
348 XVI. Westindien.
durch Unterholz ausgefüllt. Zu den grössten Bäumen gehören eine
Myrtacee [Psidium montanum) und eine Guttifere [Symphoria], die
Palmen sind zahlreicher, als anderswo, die Bambusen neigen und
beugen sich im leichtesten Luftzuge, die Heliconien und Scitamineen
stehen mit ihren grossen Blattrosetten in einem gewissen Gegensatze
zu den Sträuchern, von denen sie sich abheben.
Die zweite Region auf den Bergen Jamaikas (1900—3750 Fuss)
unterscheidet Oersted durch zunehmende Mannigfaltigkeit der Holzgewächse.
Die meisten Bäume, die sich an diese Höhen halten, sind
endemisch i9); mehrere Melastomaceen werden unter ihnen bemerkt;
ein dichtes Unterholz verdrängt die übrigen Schattenpflanzen vom
Boden, die Epiphyten werden zahlreicher, die Lianen vermindern
sich.
Während die Wärme abnimmt, vermehrt sich in aufsteigender
Richtung die Feuchtigkeit, bis die Wolkenregion der blauen Berge
(4700—6600 Fuss) erreicht wird, wo nach den Morgenstunden das
ganze Jahr hindurch täglich der Wasserdampf sich verdichtet und
am Nachmittage als Regen niederfällt. Nur die höchsten Gipfel
ragen alsdann sichtbar aus dieser Wolkenbank hervor, in deren Bereich
die Temperatur durch die gehinderte Insolation bereits unter
12^* R. herabgedrückt wird.
In demselben Niveau, wo die Kaifeekultur noch betrieben wird,
finden wir hier einen abgesonderten Waldgürtel (3750—5600 Fuss),
der fast ausschliesslich aus Farnbäumen 20) besteht. Vereinzelt treten
dieselben wohl weithin abwärts im Laubwalde auf, selbst bis zu den
Hügeln an der Nordküste, aber erst in jenen Höhen vereinigen sie
. sich zu einem geschlossenen Bestände, wo die grössten Stämme eine
Höhe von 50 bis 60 Fuss erreichen. Es gebe, bemerkt Oersted,
vielleicht keine Gegend der Erde, wo die Farnbäume so gesellig
wachsen, wie hier, und, in solchem Grade die übrige Vegetation verdrängend,
gleichsam ferne Zeiten der Vorwelt zur Anschauung
bringen. Nur zwei Coniferen [Juniperus barhadensis u. Podocarpus
coriaceus) und einige Sträucher begleiten sie, einzelne Ericeen, Melastomaceen,
Viburnum und eine endemische Gattung, die den Corneen
verwandt ist [Fadyenia). Sodann fehlt es nicht an Epiphyten : doch
auch unter ihnen herrschen die Farnkräuter und Lykopodiaceen, die
Orchideen sind durch kleinblüthige Formen vertreten [Lepanthes, Stelis).
in
Bergwälder. — Verhältniss zum Festlande. 349
lieber der Region der Farnbäiime werden die Gipfel der blauen
Berge (5600—7500Fuss) von einer geselligenCönifere, demYakkabaum
[Podocarpus coriaceus), bekleidet, der also hier die Nadelhölzer
der gemässigten Region Mexikos ersetzt. An der obern Grenze der
Wolken bildet er fast ausschliesslich den Wald: hier haben die
Bäume noch eine Höhe von gegen 50 Fuss^ aber auf den höchsten
Gipfeln werden sie strauchartig (zuletzt nur noch 15 Fuss hoch).
Das Unterholz besteht aus hohen Sträuchern, einer Myrtacee {Eugenia
alpind)j einer Lobeliacee mit grossen Purpurblumen [T%ipa ascendens)^
zwei Ericeen (Vacdnium meridionale und Cletlira Alexandri) und einer
nicht näher bekannten Bambuse; sogar ein Schlinggewächs ist an
diesen Gebüschen noch zu bemerken (die Rubiacee Manettia Lygistum).
Yegetationsceiitren. Den ersten Aufschluss über die ursprüngliche
Anordnung der Pflanzen und ihre Vermischung durch
Wanderungen gaben kleine, oceanische Archipele, wie die kanarischen
Inseln und die Galapagos. Um die von diesen abgeleiteten
Vorstellungen auf die Floren des Festlandes zu übertragen und dadurch
ihre Allgemeingültigkeit zu begründen, schien es von Wichtigkeit,
ein insulares Gebiet von der Grösse Westindiens zu untersuchen,
welches als eine Uebergangsstufe zu den Kontinenten gelten konnte.
Dieser Aufgabe habe ich mich, gestützt auf umfassende Sammlungen
und von deren systematischer Bearbeitung2t) ausgehend, unterzogen,
und, indem ich auf diese Arbeit i) verweise, stelle ich hier nur unter
allgemeineren Gesichtspunkten die Ergebnisse zusammen, die der
gehegten Voraussetzung, dass dieselbe Gesetzlichkeit, wie auf kleineren
Archipeln, auch hier walte, durchaus zur Bestätigung dienten.
Westindien verhält sich nach seiner geographischen Lage zu
dem amerikanischen Kontinent, an dessen Haupttheile es sich beiderseits
anlehnt, ähnlich, wie die britischen Inseln zu Europa. Während
aber auf diesen die Flora dieselbe ist, wie auf dem Festlande,
besteht die westindische fast zur Hälfte aus endemischen Arten.
Hiernach haben wir allgemein zwischen Archipeln mit eigenen Vegetationscentren
und solchen zu unterscheiden, wo entweder niemals
besondere Arten entstanden sind oder doch ihr Ursprung sich nicht
mehr nachweisen lässt. Im letzteren Falle ist das insulare Gebiet in
Beziehung auf seine Flora nur ein Theil des Festlands, von dem es
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