
260 XII. Waldi>-ebiet des westlichen Kontinents.
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noch jetzt vorkomme. Vom Oregon bis zur Insel Sitclia ist ein geselliger
Araliaceenstrauch (M^sm hórrida) besonders auffallend,
dessen 6 bis 12 Fuss hohe Stämme, von grossen, bandförmig gekippten
Blättern gekrönt, dicht verschlungen und von gelben Dornen
starrend dem Eindringen in die Hochwälder leicht ein Ziel setzen :
eine Annäherung an die ähnlichen Bildungen des chinesischen Ginseng
und an den Strauch, aus welchem auf Formosa des Reispapier
bereitet wird.
Die Schlinggewächse der nordamerikanischen Wälder verhalten
sich ähnlich, wie die Bäume selbst, es sind europäische und sibirische
Gattungen (Vitis, Humulus, Menispermum), mit welchen in der südlicheu
Laubholzzone tropische Familien, Bignoniaceen und Smilaceen
sich verbinden [Bignonia, Smilax). Auch die Stauden haben im
Schatten des Waldes ein üppiges Wachsthum: unter ihnen sind
einige der artenreichsten Gattungen der Flora enthalten (die Synanthereen
Aster und SoUdayo).
Offene Landschaften werden in den noch unberührten Wäldern
^Nordamerikas selten erwähnt: Wiesen sind, wie in Europa, die Begleiter
des fliessenden Wassers und in einigen Gegenden, besonders
am Oregon, durch ihre nahrhaften Gräser ausgezeichnet [Tritimm,
Festuca
Yegetationsformationen. Der Wald ist die einzige Formation,
die von Seiten der Anordnung ihrer Bestandtheile uns hier zu
beschäftigen hätte, aber nur Weniges ist zu dem, was darüber bereits
bemerkt wurde, jetzt noch nachzutragen, um das physiognomische
Bild der nordamerikanischen Landschaft zu vervollständigen. ün~
ermessliche Ebenen, aus denen nur wenige und entlegene Gebirgsketten
sich erheben, aber reicher bewässert durch Niederschläge, als
Kuropa, theilen sich in eine Reihe von Stromgebieten, deren Anzahl
wegen der gleichmässigen Abdachung geringer, deren Wasserreichthum
aber um so grösser ist. Ihre Fruchtbarkeit wird gesteigert
durch die Mannigfaltigkeit ihrer geognostischen Zusammensetzung.
Von den ausgedehntesten Kohlenablagerungen der Erde bis zu den
jüngsten Alluvialbildungen liessen hier alle geologischen Zeiträume
der Vegetation freien Kaum, sich ungestört zu entwickeln und die
Stufenfolge der in bestimmten Richtungen geänderten Organisationen
zu durchlaufen. Die Vereinigung der Bäume zu gemischten Beständen,
Bestandtheile des Waldes, 261
die unter solchen Bedingungen in den wärmeren und feuchteren Gegenden
entstanden ist, kann indessen nicht als eine nothwendige
Folge des grösseren Wasserzufiusses betrachtet werden. Denn in
Europa akklimatisiren sich die nordamerikanischen Bäume leicht,
obgleich ihnen hier weniger ergiebige Niederschläge geboten sind.
Aber mit der Feuchtigkeit des Bodens scheint die Weiche des Holzes
in einer gewissen Beziehung zu stehen. Als im vorigen Jahrhundert
die Bäume Nordamerikas zuerst näher bekannt und nach Europa
verpflanzt \^urden, erwartete man von ihrer Akklimatisation besondere
Vortheile für die Forstwirthschaft. Diese Erwartungen sind
nicht erfüllt worden, indem sich alsbald herausstellte, dass dieselben
an Holzwerth den einheimischen Bäumen Europas nachstehen, während
sie sie häufig in der Schnelligkeit des Wachsthums übertreffen,
wie es bei weicheren Hölzern gewöhnlich ist. Von der Weihmuthskiefer
[P. Strohns) nimmt man an, dass ihre Höhe jährlich um drei
bis vier Fuss zunehme 42): bei Paris sah man einen Baum in 30 Jahren
80 Fuss hoch und 3 Fuss dick werden. Jene Schilderung von
dem häufigen Windfall in den Oregon-Forsten, wo der Boden des
Waldes von den niedergestürzten Riesenbäumen bedeckt wird, ist
ebenfalls ein Beweis von ihrer kürzeren Wachsthumsperiode, verbunden
mit geringerer Widerstandsfähigkeit gegen Störungen von
aussen.
Grössere Dichtigkeit und höheres Wachsthum des Unterholzes
und Gesträuchs scheint die nordamerikanischen Wälder auszuzeichnen
und von denselben Einflüssen abhängig zu sein, wie die raschere
Entwicklung der meisten Bäume. Der Papaw (Asimina) ist 10 bis
20 Fuss hoch, und dieselbe Grösse erreicht auch das Rhododendron
der Laubwälder (Ä. maximwn). Sogar in den nordischen Wäldern
der weissen Tanne bekleidet dichtes Unterholz den Boden, wodurch
sie von der Physiognomie der europäischen Nadelholzbestände abweichen.
Oft fand Richardson^) diese Tannenwälder Hudsoniens
undurchdringlich von Weidengesträuch durchwachsen, welches vornehmlich
ihr Unterholz bildet, und er fügt in malerischer Darstellung
hinzu, dass, während diese Gebüsche nebst den gefallenen
und sinkenden Stämmen vergangener Zeiten den Schritt des weissen
Mannes aufhalten, der schmächtige, gewandte Indianer durch das
verwachsene Dickicht geräuschlos mit Leichtigkeit hindurchgleitet.
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