
XIX. Brasilien.
I
ii'.:
Yegetatioiisceiltreii. Die Urwälder der Küstenhindscliaften
Brnsilions mögen die grösste Mannigfaltigkeit verschiedener Organisationen
anf einem beengten Ranme vereinigen, aber die Eigenthümlichkeit
der Flora ist im Inneren des Tafellandes doch in einem weit
höheren Masse ausgeprägt. Denn hier stehen der Vermischung mit
den Pflanzen der Nachbarländer bestimmte abschliessende Schranken
gegenüber. Die Gewächse der Campos können weder in der ewig
feuchten Aequatorialzone, noch in den höheren Breiten der Pampas
a-edeihen, wo zwiir ebenfalls die Gräser vorherrschen, aber die intensiven
Regenzeiten fehlen , deren die tropischen Pflanzen bedürftig
sind. Nach Westen sodann werden die Campos durch die Flusstliäler
am Fusse der Anden und durch deren Erhebung selbst nocli
schärfer abgesondert, und wenn ihre Vegetation die hohen Gebirge
übersteigen könnte, wurde sie jenseits ein regenloses Klima zurückweisen.
Im Inneren der Campos wird das selbständige Fortbestehen
der Vegetationscentren, -wie schon bemerkt wurde, durch die Untei'-
schiedo des Niveaus, der Bewässerung und der geognostischen Unterlage
befördert. Die Erfahrung der Sammler hat gelehrt, dass auf
den höheren Serren die meisten eigenthümlichen und auf einen engen
Wohnort eingeschränkten Arten vorkommen und daher solche Centren,
über die ganze Oberfläche des Tafellandes vertheilt, durch das Niveau
am meisten vor gegenseitiger Vermischung bewahrt blieben.
Diese Vielfältigkeit von geographisch genäherten und klimatisch
übereinstimmenden Oertlichkeiten, wo doch niclit gleiche, sondern
nur ähnliche Organisationen entstanden sind, ergiebt sich auch aus
einigen artenreichen Gattungen, eine Erscheinung, wodurch die brasilianische
Flora an die des Kaplandes erinnert B. zeigen dies
ausser den schon erwähnten Melastomaceen und Myrtaceen unter den
Labiaten Hyptis, den Restiaceen Eriocaulon: die letztere Gattung mit
mehr als 200 Arten-'^j, von denen die meisten einen Bezirk von geringem
Umfang auf den das Quellgebiet des Francisko umfliessendeii
Serren bewohnen).
Eine Verwandtschaft der brasilischen Flora nach klimatisclien
Analogieen mit entfernten Ländern lässt sich nur in wenigen Fällen
nachweisen. In Amerika selbst giebt es kaum ein ähnliches Hochland,
da die mittlere Höhe Brasiliens weit unter der von Mexiko zurückbleibt
und andere Savanen in dieser Beziehung übertrifft: die
Absonderung und Charakter der Vegetationscentren 4 1 7
Formen der Cacteen und Bromeliaceen stehen indessen doch zu denen
Mexikos und Venezuelas in systematischer Verwandtschaft. Wenn
das Klima des inneren Brasiliens mit dem der südlichen Tropenzonen
Afrikas am meisten übereinstimmt, so hat doch die Vergleichung
beider Kontinente ausser 4en Velloslen Benguelas wenig Analogieen
in ihren Floren ergeben (S. 127).
Der Charakter der Vegetationscentren Brasiliens besteht in der
höchsten Ranmbenntzung durch verschiedene Vegetationsformen, und
dies ist es, was in den Wäldern und auf den Gebirgen der Küstenzone
selbst den in der Kenntniss des Einzelnen unerfahrenen Beobachter
am meisten in Erstaunen setzt. Hieher gehört der oben erwähnte
Fall einer in den Wasserbehältern einer Bromeliacee schwimmenden
Wasserpflanze, deren Ursprung in ein räthselhaftes Dunkel
gehüllt ist. Verwandte Utricularien mit ungetheiltem Blatt und rother
Blüthe bewohnen die Sümpfe von Minas Geraes. Wer Gefallen findet,
die selbständigen und an bestimmte Lebensbedingungen geknüpften
Organismen nach ihren Aehnlichkeiten von einander genetisch abzuleiten,
kann hier seiner Phantasie nachgeben, ohne doch seiner Vorstellungsweise
eine andere thatsächliche Grundlage verschaffen zu
können, als die der räumlichen Analogieen.
Da es bis jetzt an einer zusammenfassenden Uebersicht der brasilianischen
Flora durchaus fehlt und in dem grossen von Martius
begonnenen Werke gerade die meisten vorherrschenden Familien
noch unbearbeitet sind, so lässt sich über den Reichthum an Arten
bis jetzt nicht weiter urtheilen, als dass die Sammlungen, die man
dort zusammenbrachte, unter allen in Amerika erworbenen die grössten
sind. Das Ergebniss der Forschungen von Reisenden, wie Martius,
Burchell und Gardner, lässt sich nur mit dem aus dem Kaplande vergleichen,
die Artenzahl ist vielleicht noch grösser und kann, zusammengefasst,
wohl auf lOOOO endemische Arten geschätzt werden.
Freilich ist der Umfang des Landes auch mehr als zwanzigfach
grösser 35), als der der Kapkolonie, und, wenn auch nur einige Provinzen
ebenso genau erforscht sind, so darf man doch schliessen,
dass der Reichthum der Flora den der Südspitze Afrikas bei Weitem
nicht erreicht.
Die Reihe der vorherrschenden Familien wurde von Burchell
nach seinen eigenen Sammlungen zusammengestellt 36) , die haupt-
G r i s e b a c h , Vegetation der Erde. II. 27