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506 XXIV. Oceanische Inseln.
meer, der Winterregen vorherrscht, beginnt dieser erhöhte Lebensreiz
zu einer Zeit, wo die Wärme im Sinken ist. Die Nachtheile, welche
hieraus entspringen^^), äussern sich zunächst bei den tropischen
Kulturen in der geringeren Ergiebigkeit der Erträge, dann aber bestimmen
sie auch den Charakter der einheimischen Vegetation. Auf
dem Stillstand, dem sie bei abnehmender Wärme in den beiden
letzten Monaten des Jahres ausgesetzt ist, beruht ihre klimatische
Verwandtschaft mit der Flora Südeuropas, aber die grössere Feuchtigkeit
der Luft, eine Folge der oceanischen Lage, giebt ihr zugleich
den Vorzug einer längeren Entwickelungsperiode. Das Klima von
Andalusien ist nach seiner Temperaturkurve und nach dem Zeitmass
der Niederschläge Madeira am ähnlichsten, aber eine Sommerdürre,
wie dort, kann da nicht eintreten, wo jede Luftströmung über das
Meer weht und das Gebirge in Wolken hüllt. Hiedurch und durch
die Milde des Winters gewinnt die Vegetationszeit in Madeira sogar
eine längere Dauer", als in vielen Tropenländern, aber, wie am Mittelmeer,
fällt die kräftigste Entwickelung in den Frühling nicht in
die Zeit, wo die Sonne, am höchsten steht. Je länger nun die Gewebe
fortwachsen können, desto mehr wird die Holzbildung,befördert,
und hieraus erklären sich die allgemeinsten Unterschiede der atlantischen
von der Mediterranflora. Den europäischen Stauden stehen
verwandte Arten gegenüber, deren Stengel verholzt und kräftiger
auswächst . die immergrünen Holzgewächse von langer Entwickelungsperiode
nehmen überwiegend den Boden ein, und einjährige
Pflanzen von kurzer Lebensdauer sind wohl durch Eiipwanderung
angesiedelt, aber ursprünglich selten entstanden, weil die Natur
unter den möglichen Bildungen stets die vollendetem herzustellen
strebt, von denen die Vortheile des Klimas am vollständigsten ausgenutzt
werden können. Anscheinend zusammenhangslos vereinigen
sich auch hier die verschiedenen Formen der einheimischen Flora
unter demselben klimatischen Gesichtspunkt, und, sofern ähnliche
Bedingungen sich noch auf manchen andern oceanischen Inseln wiederholen,
zeigen sie zugleich, dass zur Zeit des Ursprungs der endemischen
Vegetation die Stellung ihres Wohngebiets ebenso insular
war, wie jetzt, und eben deshalb in seinen Erzeugnissen so eigenthümlich
blieb. Als man die Uebertragung der atlantischen Pflanzen
von einem Archipel zum andern über das Meer ohne genügende
Madeira. Vegetation. 507
Gründe bezweifelte und gerade hieraus auf ihren einstigen kontinentalen
Zusammenhang durch die Atlantis schloss, wurde unberücksichtigt
gelassen, dass sie durch ihre Organisation nicht einem kontinentalen,
sondern eben einem Insel-Klima angepasst sind.
Ob man den Charakter der endemischen Vegetation von der
klimatischen Analogie mit Südeuropa oder mit der noch näher gelegenen
Küste von Afrika ableiten will, ist ohne Bedeutung, da die
Flora der letzteren in dieser Breite ebenfalls noch dem Mittelmeergebiet
angehört: durch eine Sapotee {Siderox^lo^i) wird Madeira mit
Marokko verknüpft, wo dieselbe tropische Familie (durch Argania)
vertreten ist. Zu den nach einem bestimmten Typus veränderten
Organisationen der Mediterranflora gesellt sich hier indessen auch
eine dem tropischen Afrika und Asien eigne Vegetationsform, die
Europa fremd ist. Dies ist die atlantische Dracaena (D. Draco), die sich
den Liliaceenbäumen anschliesst, aber, abweichend von der gewöhnlichen
Bildung monokotyledonischer Holzstämme, im höheren Alter
eine eigenthümlich verzweigte Krone bildet. Bis zur Blüthenbildung
ist nämlich der Stamm, wie bei jenen, ganz ungetheilt und trägt auf
seiner Spitze eine einfache Rosette von Schilfblättern. Da aber die
Blüthenrispe aus deren Gipfelknospe hervorgeht, so treten, um das
Fortwachsen des Stamms zu bewirken, aus der nun alsbald verschwindenden
Laubrosette Seitentriebe hervor, die sich wieder ebenso,
wie der Hauptstamm, verhalten and durch Wiederholung desselben
Vorgangs nach und nach eine Krone von scheinbar in Wirtein geordneten
Aesten herstellen, von denen jeder einzelne, an der Seitenfläche
kahl, an seiner Spitze von den erneuerten Blättern gekrönt
wird^'^). Der Hauptstamm selbst ist von geringer Höhe und nach
abwärts angeschwollen; die alten Individuen mit ihrer seltsamen
Krone gehören zu den bizarrsten Formen, die man kennt. Dieser
atlantische Drachenbaum ist der warmen Region des Archipels von
Madeira, den kanarischen Inseln und den Kap-Verden eigen, er soll
nach den Azoren erst durch die Kultur verpflanzt sein. Auch dadurch
ist derselbe merkwürdig, dass er, wie eine Reliquie der Vorwelt,
dem Aussterben nahe scheint: überall ist er selten geworden,
so dass auf Teneriffa die grössern Stämme als eine Merkwürdigkeit
beachtet werden. Auf Porto Santo, wo ^sie ehemals am häufigsten
waren, soll nicht ein einziger mehr übrig sein; auch der uralte Dra