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380 XVIII. Ilylaea, (rcbiot des uquatoriiilen Brasiliens.
schon herbeiführen kann, noch ehe sie in die Südhemisphäre selbst
eingetreten ist. Diese Wirkungen äussern sich in der geschwächten
Regenzeit des oberen Stromlaufs, wodurch sich die zweite Hälfte des
Jahrs von der ersten unterscheidet. Die Wanderung der Sonne nach
Norden kann nämlich den südhemisphärischen Passat nicht in gleicher
Weise über das äquatoriale Stromtluil heriiberziehen; da hier
durch das karaibische und atlantische Meer das Ausweichen verhindert
wird und das Aspirationscentrum auch während dieser Jahrszeit
auf dem Festlande beharrend sich behauptet. Nur insofern ist dessen
Lage auch hier von Bedeutung, als, wenn es auf die LIanos von
Venezuela übergeht und deren Regenperiode hervorruft, am oberen
Amazonas die Niederschläge nachlassen. Im Juli und August fällt
zu Barra an der Mündung des Rio Negro fast gar kein Regen , und
einen südhemisphärischen Passat möchte, man auch in dem kühlen
Südwinde erkennen, der im Mai zu Ega bemerkt wird^).
So grossen Verschiedenheiten in der Vertheilung der Jahrszeiten
gegenüber, wie sie zwischen dem obern und untern Amazonas bestehen,
ist doch der Charakter der Vegetation vom Fuss der Anden
in Mainas bis zur Mündung in hohem Grade übereinstimmend.
Ueberau wird der Strom von den weithin ausgedehnten Wäldern begleitet,
deren Entwickelung niemals einen Stillstand erleidet. Dies
ist doch nur dai^aus zu erklären, dass auch im Wechsel der Windesrichtungen
die trockeneren Perioden hinlängliche Niederschläge
empfangen, um die Vegetation ununterbrochen frisch zu erhalten.
Dass der Wald sie sich, wie in Guiana, zum Theil selbst bereitet,
geht daraus hervor, dass am unteren Stromlauf ebenso wenig, wie
dort, die Savanen und mit ihnen regenlose Jahrszeiten nicht ganz
ausgeschlossen sind. Savanen bedecken die ganze Osthälfte der
Insel Marajo^), der grössten unter denen des Amazonendeltas, und
sie unterbrechen zuweilen den Wald bis zum Einfluss des Rio Negro,
also gerade so weit, wie der Passat seine Kraft behauptet. Sie entsprechen
einem sandigen Geröllboden oder einer erhöhten Uferlandschaft.
Bei Santarem sind sie besonders ausgedehnt. Wo die
atmosphärischen Bewegungen allein die Periode der Niederschläge
bestimmen, ist auch hier die trockene Jahrszeit fast ebenso regenlos,
wie in Guiana: wo liingegen der Wald einmal besteht, fehlt es niemals
an der erforderlichen Benetzung desselben. Nur auf diese
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Periodicität des Wasserstandes. 381
Weise ist der Unterschied der Beobachtungen in Santarem von denen
zu Para erklärlich, wo die Umgebungen bewaldet sind. Die Luft
der Wälder ist feuchter, als in den Savanen, weil dort der Niederschlag
vom Boden langsamer abdunstet, ^Is hierS). Die Bedingungen,
von denen die räumliche Vertheilung der beiden Formationen
abhängt, liegt demnach auch hier in ihnen selbst, ein säkularer
Wechsel derselben erscheint möglich. Allein in demselben Masse,
wie der Amazonas die Ströme Guianas an Wassermasse übertrifft,
ist auch der Wald in seiner seitlichen Ausdehnung erweitert. Wenn
derselbe einerseits die Verdichtung des Wasserdampfs befördert und
sich dadurch in seinem Bestände schützt, so verdankt er seine Entstehung
und Ausbreitung zugleich dem Flusse, der den Boden mit
seinem Grundwasser tränkt und durch seine Anschwellungen überfluthet.
Diese Anschwellungen sind ein Massstab für die Intensität der
Niederschläge in den Regenperioden des Stromthals, aber sie hängen
auch zugleich von denen der Nachbargebiete ab, aus deren weiten
Fernen die Nebenflüsse ihre Wassermassen herbeiführen. Der
höchste Stand wird zur Zeit des Sommersolstitiums [21. Juni erreicht;
der Unterschied beträgt, mit dem niedrigsten Wasserstande
verglichen, im Hauptstrome 40, oft 50 Fuss, und, da die Uferlandschaft
fast überall völlig flach ist, wird der Wald zu beiden Seiten
jedes Jahr 4 bis 5 g. Meilen weit von den steigenden Gewässern
überfluthet. So weit reicht die Formation des Igapo, worunter man
diejenigen Wälder begreift, deren Baumstämme Monate lang, 10 bis
40 Fuss tief, zum Theil bis zu den Kronen unter Wasser stehen.
Der thonreiche Alluvialboden des Ufers wird zuweilen auch durcli
die wachsende Kraft der Strömung zerstört: neben dem Thalwege
entstehen Kanäle, Lagunen, der Igapo löst sich zu Inseln auf, und,
indem der Boden unterwaschen einsinkt, stürzen die Hochstämme
einer nach dem anderen mit gewaltigem Schall in das Wasser und
setzen den Strom, den sie mit Treibholz füllen, weithin in brandenden
Wogensch wall.
Mit dem Steigen und Sinken des Flusses ändern sich hier beständig
die Bedingungen der vegetativen Entwickelung. Hieraus
und aus der periodisch wechselnden Intensität der Niederscliläge
erklären sich die Ungleichheiten in dem jährlichen Kreislauf der
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