
Sollen wir nun annehmen, dass ganze Schaaren von Affen in gewissen
Lokalitäten des nördlichen Südamerikas eine zufällige Missbildung der
Extremitäten haben, die sich bei so grossen Schaaren mehr oder minder
vollständig erhalte? Diess scheint uns unnatürlich und unwahrscheinlich
zu sein, um so mehr, da auch bei andern Gattungen von Vierhändern
sowohl der alten als auch der neuen W e lt die Natur das Bestreben
zeigt, durch eine Mittelbildung von den unvollkommenen zu den vollkommenen
Extremitäten überzugehen.
Sollte nicht das Exemplar von Hrn. Prof. Wagner ein A. penta-
dactylus sein, bei dem der Mangel der Daumenrudimente an der rechten
Vorhand ein pathologischer Zustand ist, welcher hei den Affen, die
nur auf den Bäumen leben und die vorderen Hände zum Greifen und
Zanken so häufig und angestrengt krauchen, sehr leicht eintreten kann?
4. A. PENTADACTYLUS. Geoff. St. H.
Ganz schwarz mit schwarzbraunem Gesichte und einem rudimentären
Daumen an den vordem Extremitäten.
Hr. v. Humboldt hat in den Rec. Obs. Zool. I. p. 355. eine genaue
Beschreibung von diesem Affen unter dem Namen Simia chamek geliefert.
So sehr er in Grösse, Körperbau und Farbe mit der vorhergehenden
Species übereinstimmt, so ist er doch durch den verkümmerten
Daumen strenge von ihr geschieden.
Die vom Prinzen Max zu Neuwied bei Eriodes hypoxanthus gefundene
talgige, conische Masse unter der Vorhaut des Männchens, die
sich mit einem spitzen Fortsatze in die Harnröhrenöffnung verlängert,
haben wir auch bei wiederholtem Suchen bei keiner Atelesart finden
können. Es ist leicht möglich, dass dieselbe, wenn sie nicht eine
individuelle krankhafte Absonderung ist, nur bei dem Genus Eriodes
vorkömmt und mit der sonderbaren Anordnung der Haare an der Cli-
toris der Weibchen, wie sie Isid. Geoff. Mem. du Mus. 1829 p. 149
beschrieben hat, in Beziehung steht. Die Clitoris bei Ateles ist sehr
stark entwickelt, bis zwei und einen halben Zoll lang und einen Zoll
an der Basis breit; sie ist spärlich mit langen Haaren besetzt1).
J) Ueber die Clitoris bei Ateles siehe A, G. F. Fugger de singulari clitoridis in simiis generis
Atelis magnitudine et conformatione. Berol. 1835. 4°.
Lebensweise. Die Ateles stimmen in ihrer Lebensweise sehr untereinander
überein. Sie leben in kleinen Schaaren von 10 bis 12 Individuen;
zuweilen trifft man sie paarweise, oft sogar einzeln. Während
mehreren Monaten bemerkten wir einen einzelnen A. ater immer im
nämlichen Reviere; als er erlegt wurde, zeigte es sich, dass es ein
Männchen war, dessen Zahnbau aber nicht auf ein sehr vorgerücktes
Alter schliessen liess. Der Jäger wird leicht auf die Anwesenheit dieser
Affen aufmerksam, denn wenn sie auch nicht gesehen werden, so ver-
räth sie doch ein fortwährendes Knittern der Baumzweige, welche sie
sehr behende biegen, um geräuschlos vorwärts zu klettern. Angeschossen
erheben sie ein lautes, gellendes Geschrei und suchen zu entfliehen. Die
ganz jungen Affen verlassen ihre Mütter nicht; auch wenn diese getödtet
werden, umklammern sie dieselben fest und liebkosen sie noch lange,
wenn sie schon ganz starr mit dem Schwänze um einen Baumast
gewickelt hängen. Es ist daher ein Leichtes die Jungen einzufangen;
sie lassen sich leicht zähmen, was aber ihrer Hässlichkeit wegen nicht
leicht geschieht; sie sind gutmüthig, zutraulich und zärtlich, leben
aber in der Gefangenschaft gewöhnlich nicht lange. Sie werden leicht
von herpetischen Ausschlägen und Diarrhoe befallen, wobei sie sich
ganz jämmerlich geberden und bald sterben.
Geographische Verbreitung. Im ganzen westlichen Theile des tropischen
Südamerika sind die Ateles verbreitet; sie scheinen daselbst
die diesem Striche ganz fehlenden Eriodes zu ersetzen. A. marginatus
geht nicht über 10° S. B. nach Süden und nicht über 5° S. B. nach
Norden, auch bezweifeln wir, dass er die 70° W . L. nach Osten überschreite;
wahrscheinlich ist sein Verbreitungsbezirk noch viel enger.
Hr. v. Humboldt fand ihn ziemlich häufig in der Provinz Jaen de Braca-
moras, der Tabackskammer von Peru; wir trafen ihn zwischen 9 und
10 ° S. B., niemals weiter nach Süden. Eine weiter ausgedehnte Verbreitung
hat A. ater, aber dennoch lässt sich sein Bezirk ziemlich
genau abgrenzen; er ist die einzige ächt peruanische Form. In den
Handbüchern der Zoologie findet man sein Vaterland entweder unrichtig
oder gar nicht angegeben; er hält sich fast ausschliesslich zwischen
2° S. B. und 14° S. B. und zwischen 7 0— 75® W . L. P. Einige
geben als Vaterland von A. ater auch Guyana an; wir bezweifeln aber
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