
Zählung- der Arten den Namen Condor an. W ir gebrauchen daher hier
auch richtiger die Benennung S. condor. Eine sehr genaue Beschreibung
dieses Vogels und auch die erste für natnrhistorische Studien
brauchbare gab A. y. Humboldt in seiner Ree. Observ. Zool. I. p. 31.
Seine Abbildungen Tab. 8. 9 sind unzähligemal copirt Yvorden. Bei
Temminch’s Plancbes col. Tab. 133 ist das Männchen, Tab, 408 das
junge Weibchen als Cathartes gryphus abgcbildet. Im Atlas Yon
Goldfuss Tab. 107 als Sarcoramphus gryphus. — Die Naturforscher
der Bonite gaben eine sehr1 gute Abbildung des ■ Condors im Jugcnd-
kleide. Voyage de la Bonite Tab. II. p. 75.
Lebensweise. Wenige Thicre haben eine grössere Berühmtheit
erlangt als der Condor, da zu der Zeit, als er bekannt wurde, in
Enropa sogar sein Vaterland noch zu den fabelhalten Gefilden gehörte,
fn denen gerne eine üppige Phantasie schYvelgte. In dem gepriesenen
Lande, wo Silber und Gold in Masse zn Tage lag, musste, nach den
Ansichten jener Zeit, auch die Thierwelt ausserordentliche Erscheinungen
liefern, und mit gieriger Hast Yvurden die Nachrichten der Reisenden
verschlungen, die gewöhnlich flüchtig beobachteten und dann
mit einer lebhaften Einbildungskraft das Fehlende ersetzten oder Neues
beifügten, so dass bald die abenteuerlichsten Geschöpfe geschaffen
wurden.
Von der Grösse und Stärke des Condors wurden in Europa
Wunderdinge erzählt, die allerdings in der merkwürdigen Historia natural
y moral de las Indias etc. (Barcelona 1591 lib. IV. cap. 37)
des Mönchs Jose Acosta eine wichtige Autorität fanden. Spätere Ge-
schichts- und Reisebeschreiber und Geographen haben theils noch mehr
beigefügt, theils etwas vermindert, bis zu Anfänge dieses Jahrhunderts
erst Herr von Humboldt eine naturgetreue Darstellung dieses Vogels
gab und alle die übertriebenen Angaben herabstimmte. Einen neueren
nnd zwar sehr ausführlichen Beitrag zur Naturgeschichte des Condors
lieferte A. d’Orbigny Voyage dans l’Amer. merid. 1839 pag. 17 seq.,
in welchem eine flcissige Compilation aller Angaben enthalten ist,, zugleich
aber auch viele neue Beiträge gegeben werden. Unsere Untersuchungen
und Beobachtungen, die ebenfalls die Früchte eines fünfjährigen
Aufenthaltes im Hcimathlandc des Condors ,sind, haben uns
manche abweichende Resultate von denen von Hrn. d’Orbigny gegeben,
welche wir im Laufe dieser Darstellung erörtern werden nnd übergehen
die -ältern Angaben, die d’Orbigny schon kritisch gewürdigt hat.
Der 'Condor lebt in Peru in der ganzen Kette der Küstencordillera,
besonders an den steilen Bergrücken, die die Hochebenen nach allen
Richtungen durchziehen, doch wird er auch in den tiefer gelegenen
Thälern des Westabhanges, vorzüglich an der Meeresküste, getroffen.
Hr. v. Humboldt hat 1. c. pag. 56 den Aufenthaltsort des Condors sehr
richtig angegeben, indem er sagt: Der Condor scheint diejenigen Regionen
der Erdkugel vorzuziehen, die sich 3100 bis 4900 Metres ü. M.
erheben. D’Orbigny 1. c. pag. 19 lehnt sich gegen die Ansicht von
Hrn. v. Humboldt auf und sagt ausdrücklich, er glaube nicht, dass der
Condor’ die höher gelegenen Regionen denen, welche im Niveau des
Meeres liegen, vorziehe. W ir müssen hier, wenigstens für Peru, diesem
Ausspruche des französischen Reisenden aufs Bestimmteste widersprechen
und Hrn. v. Humboldt beipflichten. 4Vir haben Gelegenheit
gehabt, an den verschiedensten Punkten der Küste und des Gebirges
Vergleichungen anzustellen, und dabei ein so entschiedenes Ueber-
gewicht für letztere Regionen bekommen, dass von der Gesammtzahl
diejenigen der Küste nur einen geringen Bruchthcil ausmachen. Während
auf einem todten Llama in den Cordilleras sich in weniger als
einer Viertelstunde 40 — 50 Condors versammeln, so vereinigen sich
an der Küste auf einem gestrandeten Wallfische kaum 6 bis 8 ; während
im Gebirge der Jäger beim Ausweiden der geschossenen Vicnnas
oder Tarugas von Schaarcn von Condoren umkreist wird, die sich mit
gieriger Hast auf die weggeworfenen Eingeweide stürzen *), so mumi-
ficiren an der Küste die gefallenen Maulthiere und Esel und die vom
Meere ausgeworfenen Seehunde, wenn sich nicht früher die Gallinazos
darüber liermachen, denn nur selten lässt sich ein Condor darauf nieder.
Das Vcrhältniss der Menge dieser Vögel an der Küste und in
den Cordilleras kann wie I : 10 angegeben werden. Bedenkt man
auch, dass in Peru die Condor nie an der Küste, sondern immer an
') Es ist uns öfter begegnet, dass sich die Condor, während wir mit .dem Abbalgen einer
erlegten Vicuda beschäftigt waren: 12 bis 15 Schritte von uns niederliessen und die weggeworfenen
Eingeweide dieses Thieres verschlangen.