
Der von F. Cuvier dem C. nemorivagus gegebene Speciesnamc
ist sehr bezeichnend, denn dieser Hirsch durchirrt Tag und Nacht die
niedrigen Gebüsche und den dichten Schilf längs der Flüsse der Vor-
Cordilleras und die Hochebenen der Andes. Meistentheils zieht er
einzeln, zuweilen jedoch rotten sich Rudebvon 4 —^ 6 Stück zusammen,
die sich aber sehr leicht trennen. Der stärkste Rudel, den wir
gesehen haben, zählte 14 Stück; er kam fast alle Abende von den
steilen Felsen, welche bei Chacapalpa den Fluss von La Oroya umgeben,
herunter, um schwefelsaures Natron zu lecken, welches aus
einer reichen Quelle niederschlägt und den Roden weit umher mit einer
dichten Kruste bedeckt. Es gelang uns auch im Monat November, ein
trächtiges Weibchen dieser Truppe zu erlegen. Da diese Species
sehr häufig und das Fleisch wohlschmeckend ist, so wird ihr sehr
nachgestellt. An der Küste wird dies Reh gehetzt. Schon die
Spanier haben dieses wilde Vergnügen mit so grosser Vorliebe gepflegt,
dass für einen tüchtigen Parforce-Hund der enorme Preis von
600 spanischen Thalern bezahlt wurde. Gegenwärtig hetze^ nur
noch einige in Lima wohnende Engländer. Die Indianer schiessen die
Hirsche, indem sie sich hinter einen Stein verstecken, das Rlöcken
derselben täuschend nachahmen und sie bis auf w enige Schritte heranlocken.
W ir kennen einen Cholo, der mit einer Kugel acht Hirsche
erlegte. Da er nur ein paar Kugeln hatte und doch ein leidenschaftlicher
Jäger war, so achtete er immer, wo die Kugel auf der Erde
aufschlug, und liess sich’s nicht verdriessen, oft einen ganzen Tag lang
dieselbe aufzusuchen. Sehr viele Hirsche werden bei der Vicunajagd
in dem Chaco, gefangen und sogleich getödtet. Jung eingefangen lassen
sie sich sehr leicht zähmen und werden sehr zutraulich, sogar zudringlich.
W ir haben sie öfters in diesem Zustande beobachtet; sie
liefen frei im Hause und auf der Strasse umher, naschten an allen Ess-
waaren, frassen Papierstreifen, Stücke von Tuch, Rand, geflochtenes
Stroh, mit ganz besonderer Vorliebe Cigarren. W ir haben in Jauja
ein solches Thier gesehen r welches immer auf die Cigarrenstummel
wartete, um sie sogleich zu verschlingen; wir haben ihm 20 Stück
Papiercigarren, die etwa zwei Drachmen vom stärksten Tabak enthielten,
nach einander zu fressen gegeben, ohne dass sich die geringste nachtheilige
Wirkung gezeigt hätte.
Es ist ein bei den Indianern allgemein verbreiteter Glaube, dass
das Lliuchu sehr schnell sterbe, wenn man ihm gegen das Haar auf
dem Rücken streiche; die eigenen Erfahrungen, die wir darüber besitzen,
scheinen diese Ansicht vollkommen zu bestätigen; denn bei
zweien, bei denen dies geschah, erfolgte der Tod in weniger als zwölf
Stunden. Eine andere Ursache desselben konnte nicht ermittelt werden.
Ein dritter Versuch aber fiel nicht so günstig aus, indem das
Thier, obgleich während mehrerer Tage niedergeschlagen und matt,
am Leben blieb.
Die Taruga oder Tarnst (C. antisiensis) ist ein eigentlicher Felsenhirsch.
Sie hält sich rudelweise an den steilen Felsabhängen der
Hochebenen anf und schläft am Tage im Gerolle oder zwischen grossen
Steinblöclsen wir haben sie mehrmals zur Mittagszeit in Höhlen
überrascht. Am Abend spät und des Morgens vor Sonnenaufgang
weidet sie die spärlichen Kräuter und Moose an den Bergabhängen ab,
nur um zu saufen, sucht sie die Thäler oder Ebenen auf. * Verfolgt
flieht sie mit grosser Schnelligkeit, kann aber leicht zu Pferde müde
gejagt werden; wenn sie sich aber an die steilen Felsen zurückzieht,
so wird die Verfolgung fast unmöglich. Die Rudel werden von
einem alten Männchen angeführt, welches sich gewöhnlich durch eine
hellere Farbe und bedeutendere Grösse auszeichnet. W ir haben von
einem solchen ein Fell mitgebracht, welches in der Färbung auffallend
mit Felis concolor übereinstimmt. Die verschiedenen, Farbennuancen
sind vorzüglich durch das viele Reiben an den Steinen und die Sprödigkeit
der Haare bedingt, die sehr leicht brechen; 'je nachdem vorzüglich
helle oder dunkle Ringe am Ende der gebrochenen Haare
hervorstehen, erscheint auch der Pelz heller oder dunkler. Das Geweih
wird einmal im Jahr abgeworfen. Die neuen Spiesse sind wie
hei den europäischen Arten längere Zeit mit Haut überzogen.
^Vir haben die Taruga nie in der Gefangenschaft gesehen; nach
Aussage der Indianer sterben die Jungen gewöhnlich wenige Tage
nachdem sie eingefangen worden.