
Freunde, D. Escolastico Alvarez, auf Punapferden, die an diese Art
Jagd sehr gewöhnt waren, während drei vollen Stunden, fast immer im
gestreckten Galop hinter ihnen her jagend, ehe es uns gelang, die Mutter
von ihrem Jungen zu trennen; sobald dies erreicht war, konnten wir letzteres
ohne Schwierigkeit mit den Händen greifen. W ir fanden, dass
dieses Thierchen vielleicht wenige Stunden vor unserer Ankunft geboren
worden war, denn die Nabelschnur war noch vollkommen frisch und stroz-
zend, so dass wir vermutheten, die Geburt habe in der Nacht stattgehabt,
denn unsere Verfolgung begann schon um 5 Uhr Morgens. W ir Hessen
die kleine Vicuna durch einen Indianer nach Ghacapalca bringen und daselbst
mit Milch und Wasser auffuttern. Zwei Monate lang wuchs sie
munter heran, als sie leider von einem Hunde todtgebissen wurde. Sie
befindet sich gegenwärtig ausgestopft im Museum zu Neuchâtel und
Taf. XVII Fig. 2 abgebildet.
Die jungen männlichen Vjcunas bleiben so lange mit ihren Müttern
zusammen, bis sie ausgewachsen sind; dann vereinigt sich aber der ganze
Rudel Weibchen und treibt die nun schon zeugungsfähigen Männchen
durch Beissen und Schlagen fort. Diese vereinigen sich nun zu eigenen
Rudeln, die sich an andere anschliessen, die von den besiegten Männchen
gebildet werden und auf diese YVeise Schaaren von 2 5— 30 Stück
ausmachen, hei denen es freilich nicht immer sehr friedlich hergeht, da
kein Anführer die Truppe leitet; sie sind daher alle sehr misstrauisch
und wachsam, so dass der Jäger nur mit vieler Vorsicht und Schwierigkeit
sich einem solchen Rudel nähern und selten mehr als ein Stück erlegen
kann. Zur Brunstzeit ist die Unordnung dieser Haufen gränzenlos,
indem im bunten Wirrwarr sich alle schlagen und stossen und dabei ein
helles, abgehrochenes, sehr widrig tönendes Geschrei, beinahe wie das
Angstgeschrei der Pferde, ausstossen.
Man trifft zuweilen auch einzelne Vicuna’s oder Huanaco’s an, denen
man sich mit Leichtigkeit nähern und, wenn sie die Flucht ergreifen,
nach einem kurzen Galop einholen und mit dem Lasso (Wurfschlinge)
oder den Bolas (Wurfkugeln) einfangen kann.
Die Indianer nennen sie »Vicunas Aguzanadas« und behaupten, diese
Thiere seien desshalb so zahm, weil sie an Würmern leiden. W ir haben
uns von der Richtigkeit dieser Thatsache vollkommen überzeugt, indem
wir bei der Untersuchung eines solchen Thieres sowohl das Pancreas,
als auch die Leber nur aus einem Convolute von Eingeweidewürmern
bestehend fanden; auch der ganze Dickdarm sass dicht voll Ascariden.
Wir sind geneigt, wie die Indianer die Ursache dieser Krankheit den
feuchten Weiden, die die Vicuna’s besuchen, zuzuschreihen. Die Beobachtung
weist auch nach, dass die Vicunas Aguzanadas fast ausschliesslich
während der nassen Jahreszeit gefunden werden. Es sind uns keine
Beispiele bekannt, welche darauf hindeuten, dass das Huanaco dieser
Wurmkrankheit ebenfalls unterworfen sei.
Die Excremente der Auchenia’s bestehen aus kleinen, ziemHch trok-
kenen, etwas abgeplatteten Kügelchen, denen der Ziegen sehr ähnlich.
Eine sehr eigentümliche Eigenschaft der Vicuna’s und Huanaco’s besteht
dann, dass ein Rudel während mehrerer Tage seine Excremente
immer auf einen Haufen fallen lässt, wenn er nicht durch Jäger zu weit
davon weggetrieben wird. Hat dieser Haufen eine gewisse Grösse erreicht,
etwa einen Fuss Höhe und zwei Fuss Durchmesser, so wird ein
anderer, von diesem entfernt, angelegt. W ir haben es selbst mehrmals
beobachtet, wie eine Vicuna sich von der Truppe trennte und eine
Strecke weit auf die Seite ging, um auf die gemeinschaftliche Ahlage
ihre Excremente fallen zu lassen. Diese merkwürdige Gewohnheit erleichtert
den Indianern ungemein das Einsammeln des Mistes, welcher
unter dem Namen Taquia nach den Bergwerken gebracht und daselbst
als einziges Brennmaterial zum Abtreiben des Bleies aus dem silberhaltigen
Bleiglanze benutzt wird.
Die Art, auf welche die Vicuna’s und Huanaco’s durch den Chaco
eingefangen werden* ist schon ziemlich bekannt und es würde uns zu
weit führen, wenn wir hier sie wieder erzählen würden; wir verweisen
desshalh auf den historischen Theil unserer Reise, wo wir diesen Punkt
ausführlich erörtern werden, da wir selbst mehrere Tage lang einem
Chaco gefolgt sind. D. Simon Bolivar frischte im Jahr 1828 ein altes
Decret aus den Zeiten der Ynca’s wieder auf, zufolge dessen die durch
den Chaco eingefangenen Vicuna’s nicht getödtet, sondern nur geschoren
werden sollten; dieses Gesetz blieb aber kaum ein Jahr in seiner Kraft
und musste dem, während der Herrschaft der Spanier ausgeübten Gebrauche,
alle Vicuna’s ohne Ausnahme zu schlachten, weichen. Die Felle