
Bei der vorliegenden Bearbeitung der peruanischen Raubvögel
kommen manche, anfänglich vielleicht auffallende Zusammenziehungen
und Trennungen vor; die Gründe davon werden wir im Verlaufe des
Werkes geben; sie sind ohne Ausnahme auf die Untersuchung von
vielen Exemplaren gestützt. Die scharfsinnigen Bemerkungen und Noten
von Herrn Cabanis haben uns unsere Arbeit sehr erleichtert und in
manchem schwierigen Punkte mehr Aufklärung gegeben.
Erste Familie. VFLTURIDÆ.
Geier.
Von dieser Familie haben wir nur zwei Genera mit vier Species
zu hehandeln.
1. Gen. SAMCOläAMPIIUS® Dum.
Der Kopf und Hals sind nackt; ersterer (beim Männchen) mit
einem fleischigen Kamme versehen, letzterer nach unten von einem
weichen Federkragen umgehen, der auf der vordem Seite etwas tiefer
als auf der hintern herabreicht. Der Schnabel ist etwas länger als der
Kopf, stark, gerade, keulenförmig, mit hakenförmiger, etwas kompri-
mirter Kuppe und ausgeschnittenen Tomienrändern. Die Nasenlöcher
liegen seitlich, nahe an der Firste, in der vordem Hälfte der Wachshaut;
sie sind oval und durchgehend. Die Nasenscheidung ist sehr
niedrig und schmal. Die Flügel sind lang; die dritte Fittigfeder die
längste. Die Tarsen sind kürzer als die mittelste Zehe ohne Nagel,
stark und unbefiedert; die Laufdecke ist netzförmig und mit kleinen
Schuppen, die Zehendecke mit Schildern besetzt; die Nägel sind kurz,
fast gerade und stumpf.
Von Linné und den jütern Systematikern wurde dieses Genus zu
der vielumfassenden Gattung Vultur gezogen. Duméril trennte es 1806
in seiner Zoologie analytique. Illiger kassirte aber diesen Namen im
Prodromus und schlug dafür Cathartes vor, indem er mit dem Condor
auch den Vultur papa, atratus und aura vereinigte. W ir behalten den
von Duméril vorgeschlagenen Namen für den Vultur gryphus, V. californiens
und V. papa, welche sich generisch von den beiden andern
Species unterscheiden, für die wir Illiger’s Namen gebrauchen werden.
Vieillot schaffte im Nouv. Syst. Ornith. elem. 1816 für den Condor
die Gattung Gypagus und gebrauchte für dieselbe im Tabl. encycl. et
method. Ornithologie 1823 den Flemmingschen Namen Zopilotes.
1. S. CONDOR. Dum.
Die Stirne und die hintere Hälfte des Schnabels sind heim Männchen
mit einem 2 " hohen und 4 " langen fleischigen Kamme besetzt. Der
Hinterkopf, das Gesicht und die Kehle sind schwärzlichgrau, mit kurzen,
schwarzen, steifen, borstenähnlichen Federchen spärlich versehen.
Der Hals ist fleischroth, die theilweise nackte Brust blasser; dagegen
sind die walzenförmigen Hautverlängerungen am untern Theile des Halses
bei beiden Geschlechtern, ein schmaler Hautlappen an der Kehle und
die warzigen Hautfalten zu beiden Seiten des Halses des Männchens viel
lebhafter roth. Der nackte Hals ist nach unten rings von einem schnee-
weissen Halsbande umgeben, welches aus flaumähnlichen Federchen
besteht.
Der ganze Körper ist schwarz, mit einem dunkel stahlblauen, aber
ziemlich schwachen Glanze. Die Fittigfedern sind einförmig mattschwarz.
Die äussersten Deckfedern aller drei Ordnungen, so wie die
Schwungfedern hahen einen schmalen weissen Saum am äussern Fahnenharte.
Diese weisse Färbung wird bei jeder folgenden Feder breiter und
érstreckt sich auch auf den innern Fahnenkart, so dass die innersten der
genannten Federn ganz weiss und nur an der Basis schwarz sind. Die
Schwanzfedern sind schwarz, mit schwachem grünlichblauem Metallglanze.
Der Schnabel ist hornfarhen, die Füsse dunkler. Die Läufe
sind dunkel graubraun, die Iriss feurig karminroth.
Länge des ganzen Tliieres 4 ' 10^, des Schnabels 3^, der Tarsen
4 ' 6y//. Verhältniss der Tarsen zum Flügel 1 : 6,3.
Unter dem Quicliua-Namen Cuntur, der von den Europäern in Condor
umgewandelt wurde, ist diese - Species von den ältesten Schriftstellern
über Südamerika erwähnt worden. Von Linné wurde sie zur
Gattung Vultur als V. Gryphus gestellt. Duméril Zool. Anal. pag. 32
(1806) führte den Condor als Typus seines Genus Sarcoramphus auf,
gebrauchte aber nirgends die mit seinem Namen so häufig citirte Zusammenstellung
Sarcoramphus Cuntur, sondern führt einfach bei Auf-
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