
gewachsenes Huanaco ist, sind die Zehen nur halb so gross als bei
dieser letzteren Species.
Lebensweise. lVir werden hier nur auf die Lebensweise der beiden
im wilden Zustande vorkommenden Species Rücksicht nehmen,
die sehr übereinstimmend ist. Während der nassen Jahreszeit, dem
sogenannten Winter, d. h. Tom October bis April, halten sich diese
Thiere auf den höchsten Kämmen und Gebirgsrücken der Cordillera
auf, wo auch nur noch eine leise Spur von Vegetation getroffen wird,
wagen sich aber nie über dieselben hinaus auf die steinigen, nachten
Gipfel, da die weichen Hufe, nur an Rasen gewöhnt, gegen die spiz-
zen Steine sehr empfindlich sind; auch wagen sie sich, selbst aufs
Hitzigste verfolgt, nie, wie die Gemsen, auf die Gletscher, sondern
fliehen immer über die mit Stroh bewachsenen Abhänge. Der Grund
davon liegt wahrscheinlich in der Wölbung des Fussballens, der auf
dem Eise keinen Haltpunkt findet. Im Sommer oder in der heissen
Jahreszeit, von Mai bis September, ziehen sie sich in die tiefer gelegenen
Punathäler hinunter. Es liegt ein scheinbarer Widerspruch
darin, dass die Vicuna’s und Huanaco’s im AVintcr die kalten, im Sommer
aber die heissen Regionen auswählen; es erklärt sich aber dadurch,
dass während der trocknen Jahreszeit die Cordillerarücken ganz ausgedörrt
sind und die spärliche Vegetation nur in den Thälern, wo
Quellen oder Sümpfe sind, ihnen hinreichende Nahrung darbietet. Sie
grasen fast den ganzen Tag und es ist eine grosse Seltenheit, einmal
einen liegenden Rudel dieser Thiere zu überraschen; sie saufen jedoch
nur nach Sonnenuntergang und des Morgens ganz früh. "Während
der Rrunstzeit kämpfen die Männchen mit der grössten Erbitterung um
die Stelle des Anführers der Rudel von TVeibchen; denn jeder derselben
duldet nur ein Männchen. Die einzelnen Schaaren bestehen aus
15 Weibchen, oft noch weniger, sehr selten aber aus mehr. Der
Sieger leitet bis zur nächsten Rrunstzeit seine errungenen Weibchen
und muss dann von neuem auf dem Kampfplatze erscheinen. . Es ist
sehr leicht, aus einem Rudel das Männchen herauszufinden, denn es
ist immer viel grösser und stattlicher und hält sich gewöhnlich in einer
Entfernung von 2 — 3 Schritten von seiner Weiberschaar und bewacht
sie mit der aufmerksamsten Sorgfalt, während jene unbekümmert
weiden. Rei Annäherung der geringsten Gefahr gibt es sogleich ein
Zeichen, sowohl durch Pfeifen oder Schreien, als auch durch rasches
Vortreten; im Augenblicke erhebt die ganze Schaar die Köpfe, avän-
cirt einige Schritte nach dem Orte hin, von wo die Gefahr droht und
wendet sich dann gleich zur Flucht, die Anfangs nur zögernd, bald
aber sehr eilig ausgeführt wird; auch hier zeigt sich das Männchen
als treuer Leiter und kühner Anführer, denn es deckt den Rückzug,
bleibt- von Zeit zu Zeit stehen und sieht sich nach dem Feinde um.
Die Rewegungen beim schnellen Laufen bestehen in einem schleppenden,
wiegenden Galop, der nicht so rasch ist, dass in einer Pampa
diese Thiere von einem wohl berittenen Reiter eingeholt werden könnten;
was jedoch auf dem schnellsten Pferde nicht möglich ist, wenn
sie sich an die Rergabhänge halten und besonders bergauf laufen, wobei
sie in sehr grossem Vortheil sind. Die Weibchen lohnen mit einer
seltenen Anhänglichkeit und Aufopferung die Wachsamkeit und den
Muth ihres Anführers; denn wenn dieser angeschossen oder getödtet
wird, so verlassen sie die Stelle, wo er liegt, nicht, sondern laufen
laut pfeifend im Kreise um ihn herum und lassen sich nach und nach
alle todtschiessen, ohne an die Flucht zu denken; trifft aher das töd-
tende Rlei zuerst ein Weibchen, so ergreift die ganze Schaar die
Flucht; ja, wenn alle Weibchen eines Rudels todtgeschossen werden,
so flieht noch das übrig bleibende Männchen. Das Gesagte gilt jedoch
nur für die Vicuna’s, denn die Huanaco-Weibchen ergreifen allein
schleunigst die Flucht, wenn auch das Männchen getödtet worden ist.
Es ist natürlich, dass die Jäger auf der Vicunajagd immer dahin trachten,
zuerst das Männchen zu erlegen; wir haben selbst auf diese Weise
in weniger als fünf Minuten drei Vicuna’s geschossen, die gegenwärtig
m verschiedenen Museen von Europa sind.
Im Monat Februar wirft jedes Weibchen ein Junges, welches
gleich nach der Geburt eine unglaubliche Ausdauer und Schnelligkeit
entwickelt, wie folgendes Reispiel beweist. Im Februar 1842 gelang
es uns, auf der Höhe von Cliacapalpa eine einzelne Vienna, welche
ihr Junges säugte, zu überraschen. Sie ergriff sogleich die Flucht,
indem sie das Kleine vor sich her trieb. Wir verfolgten diese beiden
Thiere mit einem, durch seine Lokalitätskenntniss ausgezeichneten,
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