
den unzugänglichsten Felsen der Cordilleras nisten, so wird man ihr
häufigeres Vorkommen in letzteren Regionen ganz natürlich finden.
D’Orbigny glaubt, dass menschliche Wohnungen oder Heerden
die Ursache gewesen seien, dass Hr. v. Humboldt auf den angegebenen
Höhen Condore gesehen habe. Durch die Reisenotizen von Hrn.
v. Humboldt sind wir im Stande, diese Meinung vollkommen zu widerlegen,
die auch mit unsern Reobachtungen im Widerspruche steht;
denn wir haben viele Meilen von Wohnungen und Heerden auf den
Gipfeln der Riesen-Anden Hunderte dieser Vögel getroffen.
Sehr auffallend ist, was Hr. d’Orbigny 1. c. p. 20 sagt: »Man
»sieht die Condor um die Cordilleren schweben (planer sur les dé-
» tours des Cordillères) oder sie mit raschem Fluge durcheilen, um
»kleine isolirte Truppen zu suchen; die einzigen Ueberreste der all-
» gemeinen Zerstörung der Vicunas und Huanacos, deren allmähliges
»Verschwinden das des Condors nach sich zieht, wesshalb sie sich
»sehr gerne in der Nähe der menschlichen Wohnungen aufhalten.«
Diese Aussage von d’Orbigny, die sich speciell auf Peru bezieht,
bedarf einer genauen Widerlegung, denn sie beruht offenbar nur auf
dem flüchtigen Durchreisen des französischen Naturforschers durch
dieses Land, in welchem er nicht von der gewöhnlichen grossen Strasse
abwich und somit auch keine richtige Anschauung der Verhältnisse dieser
Thiere in demselben haben kann.
W ir können vor Allem nicht leicht begreifen, was Hr. d’Orbigny
mit den »Ueberresten der allgemeinen Zerstörung der Vicunas und Huanacos
« meint. Eine solche Zerstörung, und am allerwenigsten im
Sinne von Hrn. d’Orbigny, findet nicht statt. Wäre der Verfasser
über die Hochebenen am Ostabhange der Küstencordillcras des mittlern
Peru, z. B. von Chacapalpa nach Ayacucho, Santo Thomas und Cusco
gereist, so hätte er sich von der unglaublichen Menge der Vicunas
und Huanacos überzeugen können, indem man beinahe alle 5 Minuten
bei einem Rudel dieser Thiere vorbeireitet und in einem Tage tausende
derselben sehen kann. Warum aber soll die Existenz des Condors
und der Vicunas so innig von einander abhängen, dass das Verschwinden
der einen das der andern nach sich zieht? Vielleicht weil
die Condor zuweilen die jungen Vicunas gleich nach der Geburt auffressen?
Diese Fälle können aber alle Jahre nur zu einer Epoche,
nämlich im Monat Februar, eintreten, und auch dann sind sie selten,
denn die vorsehende Natur hat auch der Mutterliebe der Vicunas Mittel
angewiesen, ihr Junges gegen diesen furchtbaren Feind zu schützen.
Welche spärliche Nahrung ist eine 5 — 6 Pfund schwere neugeborne
Vicuna für einen Condor, besonders wenn sie alljährlich so selten sich
wiederholt! Dass aber der Condor den erwachsenen Vicunas und Huanacos
keinen Schaden thut, scheint Hr. d’Orbigny eben so gut zu wissen
als wir, denn 1. c. pag. 23 sagt er ausdrücklich, er glaube nicht,
dass der Condor Schafe, Hirsche und Llamas, viel weniger Kälber
angreifen könne. Warum soll nun der Condor in den Anden die
Truppen der Vicunas und Huanacos anfsuchen?
W ir haben durchaus nie bemerkt, dass der Condor sich den
menschlichen Wohnungen nähere; im Gegentheile, er vermeidet sie
auf das Sorgfältigste; wohl aber hält er sich gerne in der Nähe der
Heerden auf, besonders der Pferdeheerden. Auf den Hochebenen von
Ayacucho werden, wie wir im therologischen Theile erwähnt haben,
sehr viele Pferde gezogen, die nach dem Cerro de Paseo gebracht und
dort zur Amalgamation der Silbermetalle gebraucht werden. Die Indianer
treiben sie gewöhnlich in Truppen von 600 bis 1000 Stück
über die Puna. Die spärliche Nahrung, die häufigen Schneegestöber
und die grosse Kälte, verbunden mit den ungewohnten strengen Tagreisen,
richten unter diesen Thieren eine grosse Verheerung an, so
dass gewöhnlich 10, ja sogar 25 bis 30 Prozent davon unterliegen.
Diesen Zügen folgen die Condor in grossen Massen und finden immer
eine reichliche Nahrung. Eben so werden todtgeborne Füllen und Kälber
oder ganz junge Lämmer ihre Beute. Auch haben wir gesehen,
wie sich ein Condor auf ein gedrücktes Pferd auf der Weide setzte und
das Fleisch rings um die Wunde wegfrass, bis er in die Brusthöhle
gelangte.
W ir müssen hier ebenfalls die Angaben der ältern Reisebeschreiber
gegen d’Orbigny in Betreff der Kraft, welche der Condor im Schnabel
besitzt, in Schutz nehmen, da dieser Reisende behauptet, der Condor könne
die Haut eines Ochsen oder Pferdes nicht zerreissen. W ir haben sehr
oft Gelegenheit gehabt, uns von der Unrichtigkeit dieser Bemerkung zu