
174 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents. Parallelismus der Sclineelinie und Baumgrenze, 175
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knospen sich verjüngen und somit, der Samenreife nicht bedürfend,
auf das kürzeste Zeitmass ihre Entwickelung beschränken können.
Selbst jene Zwergweiden sind hier noch vertreten, die ihren Holzstamm
in den Boden versenken und daher nur durch die das nackte
Trümmergesteiu treffenden Sonnenstrahlen belebt werden. Auf die
Kürze der Vegetationszeit bei den Pflanzen der Schneeregion schloss
Heer auch aus dem Umstände, dass sie, ins Tiefland versetzt, ohne
Ausnahme als Frühlingsgewächse sich verhielten, die in wenigen
Wochen vom Ausschlagen zur Fruchtreife gelangten ^^ und dabei
zeigten sie die grösste ünempfindlichkeit gegen die Kälte, so dass
sie, selbst in dei Blüthezeit vom Frost überfallen, keineswegs zu
leiden schienen. Wenn auch an ihrem hohen Standorte einmal in
einem Jahre durch Schneeverwehung und Lawinen gar kein Frühling
erwachte, würden sie selbst eine mehrjährige Ruhe ertragen,
ohne abzusterben. So wiederholen sich vollständig innerhalb der
Schneeregion dieselben physischen Bedingungen, welche Baer für
die arktüche Vegetation auf Nowaja Semlja so charakteristisch gezeichnet
hat. Die Beobachtungen Heer's sind später von Martins
wieder aufgenommen und auf andere Theile der Schweizer Alpen
ausgedehnt worden: auf den Grands Mulets am Montblanc (9890 bis
10600 Fuss) fand er noch 24 Phanerogamen, wobei das höchste
Niveau, in welchem sie vorkommen, fast genau mit dem von Heer
in Graubündten beobachteten übereinstimmt, und sodann wies er
nach, dass auf diesen Standorten eine grössere Zahl von Arten mit
denen der arktischen Flora identisch ist, als unter den alpinen Gewächsen
unterhalb der Schneelinie.
Die Schneelinie ist, wenn auch keine absolute Schranke des vegetativen
Lebens, doch einer der wichtigsten Wendepunkte desselben,
weil an ihr die zusammenhängenden Formationen der alpinen Region
aufhören. Wenn die Schneelinie über das durchschnittliche Höhenmass
sich hebt oder unter demselben zurückbleibt, sehen wir die
nämliche Erscheinung auch an den tiefer gelegenen Vegetationsgrenzen
sich wiederholen. Dieser Parallelismus hat in sofern etwas
Befremdendes, als die klimatischen Bedingungen, die diesen Verschiebungen
zu Grunde liegen, in dem einen Falle auf das Schmelzen
des unorganischen Firns, in dem anderen auf die Funktionen der
organischen Saftbewegung sich beziehen. Das Gemeinsame besteht
indessen darin, dass die Schneelinie da liegt, wo die Sommerwärme
nicht mehr ausreicht, die Entblössung des Bodens zu vollenden, und
dass ebenso die Temperaturkurve der warmen Jahrszeit es ist, wodurch
die Dauer der Vegetationsperiode, freilich bei den einzelnen
Gewächsen nach verschiedenen Normen, bestimmt wird. Aber gerade
weil diese Normen verschiedener Art sind, die eine Pflanze ihre Entwickelung
beschleunigen oder ungleichen Temperaturen sich anbequemen
kann, die andere von deren gesetzlichem Gange abhängiger
bleibt^ während die Schneegrenze unter viel einfacheren Bedingungen
steht, so unterliegt der vertikale Abstand jener Parallellinien auch
gewissen Schwankungen, die innerhalb unseres Gebiets nicht so beträchtlich
sind, als in anderen Theilen der Erde. Das Niveau der
alpinen Region zwischen der Baum- und Schneegrenze schwankt hier
etwa nur zwischen vertikalen Durchmessern von 2000 und 3000 Fuss,
und diese Schwankungen sind einerseits von den Baumarten abhängig,
welche den obersten Waldgürtel bilden, andererseits von der
Masse der winterlichen Schneeanhäufung. Auf den Fjelden des
südlichen Norwegens (610) begreift die alpine Region durchschnittlich
die Höhen von 3000—5000 F u s s 125)^ ¿en nördlichen Alpen
von 5500—8200 Fus s auf der penninischen Kette des Montrosa
von 6500—9300 Fuss. Sehen wir nun in den verschiedenen Gebirgen
die Schneelinien und die Vegetationsgrenzen sich heben oder
senken, so entsteht die Frage, in welchen Fällen sie dem normalen
Mass ensprechen, in welchen sie über dasselbe hinausgehen oder
darunter zurückbleiben. Aber eine genaue Bestimmung ihres normalen
Niveaus ist selbst in dem einfachsten Falle, bei der Schneelinie,
nicht möglich, weil die zusammenwirkenden Einflüsse zu
mannigfaltig sind, die Temperatur während der Periode des Schmelzens
nicht bloss von dem Breitengrade, sondern auch von der Form
der firntragenden Gebirgstheile, den Niederschlägen, der Nähe des
Meers abhängt, und ausserdem die Masse der Schneevorräthe, die
zu entfernen sind, in Betracht gezogen werden müsste. Die Formeln
, welche man zur Berechnung der Schneegrenze für die einzelnen
Breitengrade versucht hat aufzustellen, sind rein empirische
Durchschnittswerthe, in welchen die unregelmässige Vertheilung der
nach ihrer Höhe und plastischen Gestalt so verschiedenartigen G • ebirge
auf der Erdoberfläche sich ausspricht, und dazu kommt noch,
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