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scheiiiimgen hervorzurufen, wie wir sie jetzt in den Wäldern von
Jakutsk, anf dem Winterkältepol Sibiriens, vor Augen haben. Allein
dies Wesse voraussetzen, dass die astronomische Theorie von der
säkularen Aenderung der Schiefe der Ekliptik mit einem wesentlichen
Fehler behaftet wäre, da sie dieselbe als periodisch und in weit engeren
Grenzen eingeschlossen darstellt, als ein so bedeutender Wechsel
des arktischen Klimas fordert.
Der Nachweis, dass in der Tertiärzeit das arktische Gebiet von
Wäldern bedeckt war, ist für die Beurtheilung der heutigen Flora
von mehrfachem Interesse. Je grösser die Aenderungen des Klimas
seni mussten, die in den Polarländern stattgefunden haben, desto
unermesshcher erscheinen die Zeiträume, die seitdem verflossen sind
Haben sich demohngeachtet einzelne Bäume, wie die amerikanische
Ceder (Taxodmm) auf der Erde erhalten, und kann dies aus fragmentarischen
Ueberresten wirklich nachgewiesen werden ? Ist es der
Fall, so verliessen sie, ohne ihre Organisation zu ändern, den räumlich
geänderten Lebensbedingungen ausweichend, ihren ursprünglichen
Wohnort und suchten, nach Süden wandernd, ein Klima auf
das ihnen gemäss war. Dagegen zeigt sich keine Spur eines genetischen
Zusammenhangs zwischen jenen arktischen Waldbäumen und
denjenigen Pflanzen, die gegenwärtig die Polargegenden bewohnen,
wie die Anhänger des Darwinismus zu erwarten hätten. Die arktisch^
Flora ist ein Ausdruck des Klimas, wie es jetzt besteht, und je weniger
dasselbe geeignet ist, den Ansprüchen der organischen Natur
zn dienen, desto zweckmässiger waltend müssen wir uns die Kräfte
vorstellen, welche das Leben der organischen Erzeugnisse einem solchen
Klima anpassten.
Tegetationsformen. Die geringe Grösse aller Erzeugnisse
der arktischen Flora, deren physiologische Bedeutung bereits erörtert
wurde, bietet zugleich einen Massstab für die Unterscheidung
der Pflanzenformen. Von der nach Bruchtheilen eines Zolles zu
messenden Kleinheit der Nadelrosette des Polytrichum-Mooses erheben
sie sich bis zu ansehnlichen Stauden und Gräsern, die an ilöhe
des Wuchses in einzelnen Fällen die Zwerggesträuche übertreffen
Indessen fehlen die grösseren Formen in den meisten Gegenden ganz
Was von der durchschnittlichen Grösse der Pflanzen auf Nowaja
Semlja angeführt wurde, passt nicht minder auf das Festland des
arktischen Sibiriens und Nordamerikas, oder das Wachsthum wird
doch nur selten zu einer höheren Energie gesteigert. Im Taimyrlande
fand Middendorff i^) die mittlere Wuchshöhe der Pflanzen ungefähr
5 Zoll: etwa der dritte Theil der Stauden schwankte zwischen
6 und 14 Zoll, die höchsten Zwergsträucher erreichten nur 6 Zoll,
selbst die Zwergbirke bleibt hier so klein. Denn auch diejenigen
Pflanzen, welche sich von der arktischen Zone bis zu uns verbreiten,
verlieren dort stets bedeutend an Grösse. Im arktischen Amerika
ragen nach Richardson i') die verkürzten Zweige der an den
Boden gestreckten Zwergsträucher kaum aus dem Teppich der Erdlichenen
hervor, und auf solche Pygmaengestaltung zurückgeführt
finde ich sie auch in der grönländischen Pflanzensammlung Vahl's.
Wenn man die Schilderungen vergleicht, welche Baer von den
üferlandschaften des weissen Meers entwarf 26), wo sich die arktische
und lappländisch-skandinavische Vegetation berühren, so ist es der
Unterschied in der Grösse der Pflanzen, wodurch die Physiognomie
der Natur innerhalb und ausserhalb der Waldgrenze plötzlich und in
auffallendster Weise geändert erscheint. An der Ostküste (65 O)
prangten Paeonien, die eine Höhe von mehr als 4 Fuss erreichten,
nebst Aconiten von noch höherem Wuchs, und gegenüber, auf der
Halbinsel Kola (66 0), traf der Reisende sogleich die Lichenentundra,
die Abhänge zum Meer trugen nur noch Weidengebüsch und Stauden
von geringer Grösse: was von gemeinsamen Pflanzen übrig blieb,
»hatte sich auffallend verkürzt«. Diese Gegensätze rücken im Grenzgebiete
zuweilen hart an einander, je nachdem die Bodenwärme
steigt oder sinkt oder das unterirdische Eis sich ausdehnt. Am Fluss
Ponoi (67 0), an der Ostküste von Kola, war das der Mittagssonne
ausgesetzte, hohe Ufer bewaldet, »man hätte den Abhang für livländisch
halten können, wenn die Birken ihren vollen Wuchs gehabt
hätten«, hier war die oberste Bodenschicht über 1 0 " erwärmt: gegenüber
lagen ausgedehnte Schneemassen, der Boden hatte in Folge
eines Regens doch 5 Wärme erlangt, aber der Abhang erzeugte
nur ein ganz niedriges Gesträuch mit alpinen Stauden.
Die alpinen Regionen der europäischen Gebirge unterscheiden
sich von der arktischen Flora ebenfalls dadurch, dass sie neben
Pflanzen von niedrigem Wuchs auch Gewächse von sehr ansehnlicher
Grösse zulassen. Da aber die Kleinheit des Stengels nur eine Folge