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78 II. Walda-ebiet des östliclien Kontinents.
tlmm des Holzstammes im transversalen Durchmesser, die beständige
Ernenerimg der Rinde, durch welche die zartesten, die entwickelungsfähigen
Gewebtheile gegen die Atmosphäre geschützt werden.
Hier werden viel mannigfaltigere, vegetative Processe zum Bedürfniss,
als bei Gewächsen von geringerer Grösse, und jeder einzelne
Process fordert, um das Material zu bereiten, es an den Ort seiner
Bestimmung zu leiten und zu verwenden, ein bestimmtes Zeitmass.
In einem Klima, wo die Vegetation noch immer durch die sinkende
Temperatur lange Zeit unterbrochen wird, ist die Entwickelungsperiode
für alle diese Wachsthumsphasen karg zugemessen. Derjenige
Abschnitt der Temperaturkurve, der vegetative Processe zulässt, erliält
die Bedeutung eines klimatischen Grenzwerths, der für verschiedene
Bäume von ungleicher Dauer sein kann, aber für alle Bäume
einen verhältnissmässig grösseren Umfang haben muss, als für
Sträucher und Stauden. Die Belaubung, die Ablagerung von Nahrungsstoffen
, die im Frühjahr benutzt werden, die Bildung überwinternder
Knospen, die Entwickelung von Blüthen und Früchten,
aber dies sind Phasen des Pflanzenlebens, die den mehrjährigen
Gewächsen nördlicher Klimate gemeinsam angehören. Aber die
Bäume bedürfen ausserdem noch des fortschreitenden Stammwaclisthums,
und da sie zugleich an Masse der zu bildenden Gewebtheile
die übrigen Gewächse übertreffen, so muss auch das Zeitmass ihrer
jährlichen Vegetationsperiode, um alle diese organischen Arbeiten zu
vollenden, grösser sein. Die erste klimatische Bedingung des Baumlebens
ist demnach eine bestimmte Dauer der Vegetationsperiode.
Nehmen wir an, dass ein Baum, um nach dem Winter seine Wachsthumsphasen
zu beginnen, einer Temperatur von 8 ^ R. bedarf, und
dass er im Herbste wieder aufhört thätig zu sein, wenn die Wärme
unter diesen Werth herabsinkt, so frägt sich, wie viel Zeit zwischen
diesen beiden Ordinalen der Temperaturkurve mindestens eingeschlossen
sein muss, damit jenen mannigfachen Aufgaben genügt
werde. Hierüber ist ein Aufschluss aus den klimatischen Beobacli-
"tungen an der Baumgrenze zu erwarten. Aus den Wärmemessungen
zu Alten im skandinavischen Lappland (7 0" N. B.) geht hervor^),
dass hier, AVO für die vegetativen Processe nur ein Spielraum von
drei Monaten übrig bleibt, der durchschnittliclie Grenzwerth erreicht
ist. den das Baumleben noch ertragen kann. Iliemit steht in einem
Klimatische Bedingungen des Baiimwuchses. 79
gewissen Einklang, dass in Mitteleuropa der Zuwachs des Holzes
zu Anfang Mai beginnt und mit dem August endet, also etwa vier
Monate in Anspruch nimmt. Dies sind, wie gesagt, nur Durchschnitts
werthe, die aber eben als solche das klimatische Verhältniss
des Waldgebiets zu den baumlosen Gegenden ausdrücken. Abgesehen
davon, dass die Insolation den vegetativen Process früher hervorrufen
kann, als das Thermometer erwarten lässt, mag an der Polargrenze
der Wälder die erhöhte Tageslänge zur Verkürzung der Entwickelungsperiode
beitragen. Auch ist die Dauer derselben bei
verschiedenen Bäumen ungleich und die Lage der Baumgrenze daher
auch von der Baumart abhängig, welche sie bildet. Im Taimyrlande
Sibiriens gehen die Bäume weiter nach Norden als irgendwo sonst
(72 8), aber hier ist an der Baumgrenze nur noch die Lärche übrig,
deren Nadelschmuck daselbst nur zehn Wochen dauert»), und die
auch in den Alpen höher als andere Coniferen ansteigt. Dieser
Baum wird zwar nicht, wie es bei anderen Nadelhölzern der Fall ist,
zum Strauch, wenn sein klimatischer Grenzwerth überschritten ist,
aber er verjüngt sich zuweilen zu mannshoher Zwerggestalt, und in
diesem Falle kann, da nun nur wenig Holz zu bilden ist, die Belaubungzeit
noch mehr verkürzt werden 1"). Middendorff, dessen ausgezeichneten
Forschungen in Sibirien wir auch über das Klima an
der Baumgrenze die wichtigsten Aufschlüsse verdanken, hat die Einwürfe
vollständig zusammengestellt, welche man gegen die Benutzung
der meteorologischen Beobachtungen zur Ermittelung der physischen
Bedingungen des Baumlebens aus diesen und ähnlichen Verhältnissen
ableiten kann, aber diese Einwürfe treffen den Hauptsatz nicht"),
dass der Umfang der zu leistenden organischen Bildungen mit dem
dazu erforderlichen Zeitmass in Beziehung steht, und dass dieses bei
den hochstämmigen Holzgewächsen nicht erheblich unter drei Monate
sinken darf.
Eine zweite klimatische Bedingung des Baumlebens besteht
darin, dass dasselbe einer höheren Sommerwärme bedarf, als die
arktische und alpine Flora. Es ist ein Erfahrungssatz, dass die
Bäume des Nordens sich im Frühlinge erst belauben, wenn die Wärme
sich zu einer Höhe erhebt, die in den arktischen Tundren nicht erreicht
wird. Auf dem Bernhardhospiz (7670 Fuss) steigt die Mittelwärme
nicht eines Monats bis zu 6 « R., und hier ist daher kein
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