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358 III. Mittelmeergebiet,
das Steppenklima auf die Höhe der Schneelinie nnr einen geringen
Einfluss, weil der Winter so lang und wegen der Nähe des schwarzen
und mittelländischen Meers auch schneereich ist. Erst in einem
weiteren Abstände von der Seeküste mindert sich die Anhäufung des
Schnees am Ararat, wie bei der Steppenflora wird zu erläutern sein.
Diese Verhältnisse haben in dem Reichthum nnd auch in dem ver-
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schiedeuartigen Vegetationscliarakter der alpinen Flora Anatoliens
ihren Ausdruck erhalten. Wo, wie im pontisch-armenischen Gebirge
die Gebirgskuppen lange Zeit von Schnee bedeckt sind, breiten sich
unter dem Einflüsse der Feuchtigkeit prächtige Alpenmatten aus, die
eine Fülle alpiner Gewächse darbieten und durch ihre Grasnarbe die
Sennwirthschaft überaus begünstigen. Hier sind im unteren Theile
der alpinen Region grosse Strecken von der weissblühenden, kaukasischen
Alpenrose bedeckt, die von hohen, subalpinen Stauden begleitet
wird; hier wurden an derselben Oertlichkeit gegen 200 alpine
Pflanzenarten vereinigt angetroffen. Das pontische Gebirge ist also
auch in seinen oberen Regionen ein Verbindungsglied zwischen dem
Süden und Norden, wie dies von der ganzen Abdachung bis zum
Ufer des schwarzen Meers gelten darf. Obgleich nun schon der den
feuchten Seewinden entzogene Südabhang des Waldes entbehrt, so
wechseln doch noch durch ganz Armenien ähnliche Alpenmatten mit
trockenen Hochsteppen. Die Alpenmatten finden sich da, wo der
Boden feucht ist, die Hochsteppe ist das Erzeugniss des dürren Erdreichs.
Die unregelmässige Gestalt und die reiche Gliederung der
dem Steppenlande aufgesetzten und doch mannigfach unterbrochenen
Taurusketten lässt es zu, däss der über dem Meere gesammelte
Wasserdampf tief in das Innere geführt wird und zu jenen unermesslichen
Schneeanhäufungen den Anlass giebt, welche im Winter
das armenische Hochgebirge erfüllen. Aus ihnen wiederum erklärt
sich der Reichthum an Quellen und wasserreichen Flüssen in beträchtlicher
Meereshöhe, die zu den weiten und grossen Stromgebieten
des Euphrat und Tigris, des Araxas, des Kur und Tschoruk sich
gleichmässig befruchtend anordnen. Vergleicht man damit die
schwachen Flussadern Anatoliens, so beruht die grössere Trockenheit
dieses westlicher gelegenen Hochlandes zunächst darauf, dass
die Gebirgsketten im Inneren minder bedeutend sind und nur äusserst
selten die Schneegrenze erreichen. Dazu kommt, dass der Taurus
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Regionen in Anatolien. 359
hier zu einem südlichen Randgebirge wird und auch an der Küste
des Pontus zusammenhängende Höhenzüge sich erstrecken, so dass
die Seewinde an beiden Aussenseiten ihre Feuchtigkeit einbüssen,
ohne ihren Wasserdampf in das innere Hochland zu führen. Die
alpine Flora Anatoliens hat nun auch in der That mit der pontischen
keine Aehnlichkeit, sie ist in den meisten Fällen eine Steppenflora.
Die dichte Rasendecke der Alpenmatten erzeugt eine tiefere, humosere
Erdkrume, welche die Feuchtigkeit zurückhält; die Vegetation
der Hpchsteppen gedeiht auf steinigem Boden und geht in die der
anstehenden Felsen über. Dieser Gegensatz spricht sich sogar noch
an der südlichen Tauruskette auf das deutlichste aus, wo die dichte
Grasnarbe der pontischen Alpenmatten fehlt und die alpinen Stauden
auf dem Geröllboden zerstreut wachsen. Mit Gedern, Tannen und
anderen Nadelhölzern innerhalb der Wolkenregion bewaldet, wachsen
über der Baumgrenze keine grössere, subalpine Sträucher, die, wie
die Gräser, eines feuchteren Bodens bedürfen. Zwar ist der untere
Theil der alpinen Region blumenreich, Kotschy verzeichnet am
Bulgar-Dagh im Niveau von 6—8000 Fuss gegen 120 Arten von
Stauden und Halbsträuchern, aber, da der Schnee ungeachtet der
auf 11000 Fuss geschätzten Erhebung des Gebirgs an der dem Meere
zugewendeten Seite nicht liegen bleibt, wird die Vegetation weiter
aufwärts dürftiger, und jene Zahl sinkt unter 50 an den oberen, felsigen
Gehängen herab (8 — 11000 Fuss). Winde, die vom Meere
aus die Axe der cilicischen Tauruskette senkrecht treffen, wie sie am
pontisch-armenischen Gebirge gewöhnlich sind, kommen höchst selten
vor 128) ; die herrschenden Luftströmungen wehen der Kette parallel
von Südwesten und Nordosten und entladen ihre Feuchtigkeit erst in
Kurdistan. In diesem Verhältniss liegt eine weitere Ursache von
der ungleichen Vertheilung der alpinen Gewächse in Anatolien, hiedurch
wird es erklärlich, dass auch in den Randgebirgen der Halbinsel
sowohl trockene Hochsteppen als feuchte Alpenmatten auftreten
können, je nachdem die Beziehungen der Seewinde zu der Lage der
Gebirgsketten abgeändert sind. Betrachten wir die einzelnen Berggipfel
als abgesonderte Vegetationscentren, so wird die so unregelmässige
Anordnung feuchter und trockener Klimate ihrem Austausch
ein mächtiges Hinderniss bieten, und gerade durch die beschränkten
Standorte alpiner Gewächse sind die anatolischen Gebirge merk