
118 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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organische Arbeit, nachdem sie eingeleitet, einer gewissen Zeit zu
ihrer Vollendung bedarf, ehe die Pflanze zu einer neuen Phase übergehen
kann. Ehe nicht alle Zellen des Kartoffelknollens mit Stärkemehl
gefüllt sind, ist derselbe nicht reif und wird zu Grunde gehen,
wenn ihm die Blätter nicht die erforderliche Menge liefern können.
Dies nun scheint mir die Bedeutung zu sein, welche den langen
Tagen des Nordens zukommt, und neben der Anzahl der Tage müsste
daher in jene Formel auch die Dauer der einzelnen Tage aufgenom-*
men werden. Fortgesetzte chemische Arbeit gleicher Art fordert
Zeit und Licht, aber keine Erhöhung der Temperatur. Da nun Licht
und Wärme nicht in gleichem Sinne wirksam sind, so kann man sich
wohl vorstellen, dass die Bildung und Streckung der Zelten und dann
wiederum das Wachsthum verschiedener Organe an andere Bedingungen
geknüpft sind, als der chemische Process in den Blättern,
und dass auch mit diesem Verhältniss die Einwirkungen des nordischen
oder des kontinentalen Klimas in Verbindu.ng stehen. Sollte
nicht vielleicht das Wachsthum der Stengelglieder, welches eine Vermehrung
der Laubfülle begünstigt, weil jedes Blatt einer freien Lage
zu seiner Beleuchtung bedarf, durch die rasche Wärmesteigerung
des Kontinentalklimas, das der Blätter durch die langen Tage des
Nordens befördert werden? In der That giebt es in höheren Breiten
noch besondere Eigenthümlichkeiten des Wachsthums, die bestimmt
scheinen, der verkürzten Vegetationszeit entgegen zu wirken. Auf
meiner norwegischen Reise im Jahre 1842 bemerkte ich, dass die
meisten Laubhölzer schon unter dem 60. Breitengrade grössere Blätter
tragen, als in Deutschland^^). Sehr auffallend war mir dies bei
der Traubenkirsche {Prunus Padus), bei der Haselnuss [Corylm) und
der Espe [Populus tremula). Die Espe hatte dort allgemein Blätter
von 2 Zoll Durchmesser. Aehnliche Beobachtungen machte Martins
in Lappland an dem dort angebauten Gemüse: die Blätter von
Erbsen waren zu Alten fast einen Fuss, von Runkelrüben 21 Zoll
lang. Wo die Vegetationszeit kürzer wird, kann das Laub die gleiche
Masse von organischem Nahrungsstoff, in den Bäumen das zur Erhaltung,
des Stammes nöthige Holz bereiten, wenn entweder die Zahl
der Blätter vermehrt oder die Oberfläche des einzelnen Blatts seinen
Leistungen entsprechend vergrössert wird. Das östliche Klima,
welches reicher an hochwüchsigen Stauden ist, scheint auf die Anzahl
Klimatische Grenzen der Cerealien. 119
der Blätter an einem Jahrestrieb, das nordische in gewissen Fällen
auf ihre Grösse einzuwirken. Nach den Untersuchungen von Sachs
wirkt das Licht des Tages nur auf die Bildung der organischen Verbindungen
aus unorganischen Nahrungsstoffen und auf das Wachsthum
der grünen Organe, während die übrigen bildenden Processe
in der Dunkelheit vor sich gehen. Unter diesem Gesichtspunkte erscheint
die Vergrösserung der Lauboberfläche als ein Hülfsmittel,
welches gewissen Pflanzen zu Theil geworden ht, um im Norden
noch diejenigen Wirkungen zu verstärken, welC'he ohnedies schon
durch die längeren Tage gegeben sind. Allgemeiner aber könnte
man sagen, dass die Vegetationslinien, welche einer bestimmten Polhöhe
entsprechen, mit der Tageslänge insofern in Beziehung stehen,
als die Pflanzen da ihre Nordgrenze finden müssten, wo sie innerhalb
der Zeit, in welcher die Sonne sie wirklich beleuchtet und erwärmt,
die organischen Arbeiten, welche den Blättern übertragen sind, nicht
mehr zu vollenden vermöchten.
Der Anbau der Gerste erreicht, wie schon bemerkt, nur bei
Alten in Finmarken die Nähe der Baumgrenze,, wenige Längengrade
östlicher hört derselbe am bottnischen Meerbu&en schon diesseits des
Polarkreises auf [65 ^ ''4)]. Der erwärmende Einfluss des Golfstroms,
der selbst am Nordkap noch die Eisbildung verhindert, bringt einen
Gewinn von fünf Breitengraden, wie bei den Wintercerealieai. Von
Tmneo aus bleibt der Ackerbau durch das ganze europäische und
asiatische Russland in wechselnden Abständen diesseits der Waldgrenze
zurück, und hierin liegt also der Beweis, dass die Bäume und
die Sommercerealien, wenn sie auch in dem Anspruch an eine etwa
dreimonatliche Vegetationszeit übereinstimmen, doch nicht denselben
klimatischen Bedingungen unterworfen sind. Die Natur hat die
hochnordischen Wälder zu einem Jagdgebiete bestimmt, Avelches der
Ackerbau niemals einnehmen wird. Middendorff, dessen gründlichen
und umfassenden Untersuchungen wir die vollständige Kenntniss von
der Polargrenze des Ackerbaus in Sibirien verdanken, hat durch
seine historischen und nationalökonomischen Nachweisungen siclier
dargethan, dass hier überall wirklich klimatische Grenzpunkte erreicht
sind, und er hat zugleich ausgeführt, aus welchen Ursachen
ein grosser Theil des sibirischen Waldgebiets der Cerealienkultur
unzugänglich ist und bleiben wird. Im Allgemeinen finden wir auch