
86 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents,
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ob in historischer Zeit die Verbreitungsgrenzen der Organismen sich
geändert haben.
Nachdem nun in der gleichmässigen Mittelwärme der Vegetationszeit
und in der dauernden Benetzung des Bodens durch Niedergehläge
die gemeinsamen, klimatischen Bedingungen des Waldgebietsder
östlichen Hemisphäre dargelegt sind, kehren wir zu der Aufgabe
zurück, eine geographische Gliederung desselben nach bestimmten
Vegetationslinien zu versuchen. Der Begriff des See- und Kontinentalklimas,
der hier zu Qrunde gelegt werden soll, erfordert eine
nähere Auseinandersetzung, indem diese Gegensätze nicht überall
rein hervortreten. Die verschiedene Erwärmungsfähigkeit des Meer&
und des Festlands durch die Sonne bewirkt, dass die Temperaturkurve
um so stärker gekrümmt ist, je weiter ein Ort von der Küste
entfernt liegt, weil dem Wasser eine gleichmässigere Temperatur
eigen ist, der feste Boden hingegen im Sommer höher erwärmt, im
Winter durch Strahlung stärker abgekühlt wird. Dies ist der allgemehie
Ausdruck des reinen See- und Kontinentalklimas, und die Vegetation
findet daher im Inneren des Festlands heissere Sommer und
kältere Winter, an den Küsten geniesst sie des Vortheils einer längeren
Entwickelungszeit. Allein durch die Untersuchungen Dove's.
ü b e r die Temperaturkurven^ö) hat sich, herausgestellt, dass an den
Ostküsten beider Hemisphären das Seeklima in höheren. Breiten nicht
vollständig ausgeprägt ist, sondern die Temperaturkurve ein gemischtes
Verhältniss dieser Gegensätze darstellt und den kühlen Sommer
des "Meers mit dem kalten Winter des Binnenlandes verbindet.
Es muss daher in der gemässigten Zone das reine See- und Konti^
nentalklima von den gemischten Klimaten unterschieden werden.
^ Die grössere Wärme der europäischen Westküste beruht theils auf
der tropischen Meeresströmung, welche sie bespült, theils darauf,
dass die Winde in ungleichem Sinne wirken, je nachdem sie Seeoder
Landwinde sind. Wenn die östlichen Polarwinde über da&
Festland wehen, reinigen sie die Atmosphäre von Wolken und erzeugen,
indem sie den Sonnenstrahlen ihre volle Wirkung lassen, im
Sommer die höchsten Temperaturen. Sie verhalten sich im Winter
zwar entgegengesetzt, dann hat die Strahlung aus dem Boden, welche
die niedrigsten Temperaturen hervorruft, freien Spielraum, aber die
Sommerwärme des Kontinentalklimas nimmt nicht in gleichem Grade
Zonen des See- und Kontinentalklimas. 87
zu, wie die Winterkälte. Die Landwinde bringen daher an eine
Westküste weniger Sommer wärme, als sie einer Ostküste Winterkälte
zuführen, lieber das Meer kommend, sind die Luftströmungen
in jeder Jahreszeit von den mittleren Wärmegraden desselben begleitet.
Mit den Westwinden entsteht in Europa ein bewölkter
Wasserhimmel, nach Ostsibirien verbreiten dieselben die strengste
Winterkälte, weil sie aus den kältesten Gegenden des Kontinentalklimas
entspringen. Die Küsten haben also, auch abgesehen von
der Vertheilung der beiden allgemeinen Luftströmungen nach den
Jahreszeiten, je nach ihrer Lage ihre besonderen Temperaturquellen,
die, entgegengesetzt wirkend, in Europa das reine Seeklima ausbilden,
während an den Ostküsten Sibiriens der Winter kontinental ist
und der Sommer wenig erwäx-mt wird. Dort überwiegen die Wirkungen
des heiteren und umwölkten Himmels auf die Temperatur,
hier die Einflüsse, welche auf der Herkunft des Windes beruhen,
weil das Centrum des kontinentalen Klimas viel näher liegt.
Dies ist nämlich das zweite Moment, welches die normale Anordnung
der See- und Kontinentalklimate verändert. Nicht mit dem
Abstände vom Meere allein vermindert sich dessen Einfluss, sondern
die äussersten Gegensätze der Sommer- und Wintertemperatur treten
in Sibirien erst an der Lena hervor. Jakutsk ist der Winterkältepol
der östlichen Hemisphäre. Hier ist der Boden nach Middendorff
über 600 Fuss tief gefroren, aber da die oberflächlichen Schichten
im Sommer hinreichend aufthauen, äussert das unterirdische Eis auf
das Wachsthum der Waldbäume keinen Einfluss und auch der Ackerbau
ist diesen kalten Gegenden an der Lena nicht fremd. Diese
Verrückung und höchste Steigerung des kontinentalen Klimas von
den mittleren Meridianen bis zu dem fernen Osten ist eine Folge von
der Gestaltung des nördlichen Asiens, sowie von der grossen Küstenentwickelung
Europas. Dove hat nachgewiesen, dass das atlantische
Meer durch ganz Europa bis an den Ural seinen mildernden Einfluss
äussert. In Sibirien hingegen vermag das stille Meer die nach Osten
wachsenden Gegensätze des Sommers und Winters wenig aufzuhalten
und mässigt sie in bedeutenderem Grade erst auf der Halbinsel
von Kamtschatka. Eine Gebirgskette, die den Meerbusen von Ochotsk
weit über die Amurmündung hinaus umsäumt, hindert die Feuchtigkeit
des Seewinds in das Binnenland einzudringen und die Sommer-
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