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114 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
über die Erdfläche auszubreiten, die klimatischen Grenzwerthe des
Gedeihens noch nicht erreicht sind.
Als ein'Problem, welches noch vielseitige Arbeit erfordern wird,
bezeichne ich es also, in welchen Fällen die solare Wärme oder aber
die Abstufung des See- und Kontinentalklimas die Lage der Vegetationslinien
bestimme, und wann dieselben durch das Zusammenwirken
aller dieser Werthe in mittlere Richtungen übergehen. Um
diese Frage ihrer Lösung näher zu führen, eignen sich die im Grossen
angebauten Gewächse in doppelter Beziehung, einmal weil durch das
Bedürfniss des Menschen die Kultur des Bodens bis zu den klimatisclien
Grenzen vorzurücken pflegt und sodann, weil die Cerealien in
Europa mit der geographischen Breite wechseln, die Obstbäume hingegen
und der Weinstock von der Temperaturvariation in höherem
Grade abhängen. Unter Korn versteht man in den germanischen
Sprachen dasjenige Getraide, welches unter den Nahrungspflanzen
eines Landes den ersten Platz behauptet, und so ändert sich mehrmals
die Bedeutung dieses Worts. Im skandinavischen Norden heisst
Korn die Gerste im nördlichen Deutschland der Roggen, im südlichen
der Weizen und in einigen Gegenden der daselbst vorzugsweise
gebaute Spelzweizen . Hiedurch ist schon die Grundlage
der Getraidezonenkarte gegeben, welche Berghaus entworfen hat 66),
Die Zone der Sommercerealien (in Skandinavien 70—60^), des
Roggens und Weizens (60—50 6) ^^d des Weizens und Mais (südwärts
von 50 6) sind hiernach zu unterscheiden.
Unter den Sommercerealien geht die Gerste am weitesten nach
Norden, an der Westküste Lapplands, begleitet von der Kartoffel,
fast bis zur Baumgrenze [Alten 706 67)]. Aber in keinem anderen
Meridian erreicht sie diese hohe Breite, und es ist zweckmässig, zuerst
die Wintercerealien zu besprechen, deren Anbau in Schweden
und Russland unter dem 60. Grade beginnt, und deren Kulturgrenze
in diesen beiden Ländern nur von der Polhöhe abzuhängen scheint.
Da das Wintergetraide im Herbste keimt und dann in den Winterschlaf
übergeht, so liegt in der Dauer des Winters ein Hinderniss
des Anbaus, indem, j e mehr sich der Frühling verspätet, desto weniger
Zeit von hinreichender Wärme zum Wachsthum des Halms und
zur Reife des Korns übrig bleibt. Es wäre also die im Norden zunehmende
Verkürzung der Vegetationszeit das Hinderniss des Anbaus.
Klimatische Grenzen der Cerealien. 115
In der That ist es nur die Temperaturkurve, die in Schweden dem
Winterkorn eine Schranke setzt. Vergleichen wir Stockholm (59 6)
mit Torneo (66 6)^ so finden wir die Wärme des Juni und Juli weiiig,
des Mai und September sehr erheblich geändert und auch den August
hier um zwei Grade kälter als dort 6S). In der Mitte des Sommers
wird die Minderimg der solaren Wärme durch die länger werdendou
Tage ausgeglichen; sobald diese sich verkürzen, wird die höhere
Breite erst fühlbar. Die Wintercerealien, die in Schweden noch im
August geerntet werden 64) ^ können daher in Torneo nicht mehr gedeihen,
wo das Wiedererwachen ihrer Vegetation sich verspätet und
wo die sinkende Augustwärme die Reife des Korns verhindert.
Allein gegen diese Auffassung erhebt sich anscheinend das Bedenken,
dass, da eine Verkürzung der Vegetationszeit nicht bloss in nördlicher,
sondern auch in östlicher Richtung mit dem Abstände vom
Meere eintritt, wir erwarten müssten, die Zone des Winterkorns nicht
an bestimmte Breitengrade gebunden, vielmehr, wie die Buche, nordöstlich
begrenzt zu sehen. Nun aber wissen w i r , dass dieWeizeiikultur
im europäischen Russland der Polargrenze der Eiche entspricht,
sie reicht hier ebenso weit nach Norden, wie in Schweden.
Es besteht indessen zwischen der Verkürzung der Vegetationszeit,
die in nördlicher, und derjenigen, die in östlicher Richtung erfolgt,
ein wesentlicher Unterschied. In dem ersteren Falle liegt die Ursache
in der Minderung der solaren Wärme, in dem Stande der
Sonne über dem Horizont, der im Vor- und Nachsommer nicht genügt,
die alsdann nothwendigen Phasen der Vegetation hervorzurufen. Die
östliche Verkürzung beruht ausschliesslich auf der zunehmenden
Steilheit der Temperaturkurve, die Sonnenstrahlen geben den Pflanzen,
die ihnen ausgesetzt sind, in allen Meridianen dieselbe Wärme.
Dass hierin eine Verschiedenheit der Lebensbedingungen liege, dass
die Verkürzung der Entwickelungsperiode in dem einen oder anderen
Sinne auf die Pflanzen ungleich wirke, zeigt sich schon in der allgemeinen
Lage der Vegetationslinien ausgedrückt. Wäre dies nicht
der Fall, so müsste der Wechsel der Flora in nördlicher und östlicher
Richtung viel gleichmässiger erfolgen, als dieses der Fall ist. Dieselbe
Art finden wir ferner j e nach den Meridianen, die sie bewohnt,
theils durch nördliche, theils durch östliche klimatische Linien begrenzt
: sie erreicht die ersteren, wenn der Stand der Sonne nicht