
i! ' !•
24 1. x4rktische Flora. Kürze der VegetationBperiode. 25
i
Iß I i i - IIF
! m
Golfstrom vermittelnde, arktische Strömung versetzen, die dasKtisteneis
Sibiriens aus allen Meridianen zwischen Nowaja Semlja und der
Behringstrasse an die Nordseite Spitzbergens und weiter an die Ostküste
Grönlands führt, wo deren Ursprung an dem mitgeführten
Treibholze bis nach Island hin erkannt wird, welches, aus den nordasiatischen
Wäldern stammend, mit den Flüssen von dort aus in das
f]ismeer gelangte.
So gleichartig auch die Vegetation sowohl an den eisumsäumten
als den freien Küsten ihren Bestandtheilen nach entwickelt ist, so
übt doch auf den Umfang des Gebiets der arktischen Flora das System
dieser Meeresströmungen den umfassendsten Einfluss aus und beweist
hiedurch seine klimatische Bedeutung. Den arktischen Pflanzenformen
selbst genügt es, einige Wochen zu gewinnen, in denen der
Erdboden schneefrei ist, und hiezu reicht auf dem Flachlande die
Sommerwärme aus, wenn auch das Treibeis vorüberfluthet: die
Wälder aber, die einer längeren Vegetationsperiode bedürfen, können
dem erkältenden Einflüsse arktischer Meeresströmungen nicht widerstehen,
wenn die Tage wieder kürzer werden und die Sonne nun
rasch an erwärmender Kraft verliert. In Skandinavien finden wir
nur eine alpine, keine arktische Flora, die Bäume reichen hier bis
in die Nähe des Nordkaps (71 <> N. B.), weil der Golfstrom bis hieher
die Küste von Eis frei erhält, aber schon im Gouvernement Archangel,
im europäischen Samojedenlande, tritt dieWaldgrenze in den Kontinent
(66«) >•) und zieht sich nun von hier aus durch ganz Sibirien in einem
bestimmten Abstände von der Küste verharrend (Jenisei 6 91/2 ^
Taimyrland Lena 71 0, Behringstrasse 64") ^2). Hier verbrauchen
die Eismassen, um sich vom Festlande abzulösen, diejenige
Wärme, welche tiefer landeinwärts den Wäldern zu ihrer Erhaltung
dient. Dieser Schmelzungsprocess des Küsteneises ist auch die Ursache
von der tiefsten südlichen Kurve der Baumgrenze, welche die
Wälder Nordamerikas beinahe bis zur Breite von Petersburg zurückdrängt
und der arktischen Flora* eine um so grössere Ausbreitung
nach Süden einräumt (Behringstrasse 661/2 0, Grosser Bärensee 67«,
Hudsonsbai 601/2 ") 12). Denn das arktische Festland Amerikas ist
weit ungünstiger gestellt, als Asien, theils weil zwischen der Behringstrasse
und der Mündung des Mackenzie die Strömungen das Eis so
langsam entfernen und das Wachsthum desselben hier am stärksten
ist 3), theils weil es in der Hudsonsbai selbst keinen Ausgang nach
Süden findet, also an Ort und Stelle schmelzen muss,. in diesem kalten
Behälter, der im Sommer nicht bloss sein eigenes Wintereis,
sondern auch diejenigen Massen verzehren muss, die von der Davisstrasse
hineingelangt sind. In den westlicher gelegenen Meridianen,
wo der der Küste anliegende Archipel grosser Inseln, wie Banksland
und Wollastonland die Anhäufung des Eises mindert, erreicht die
Baumgrenze die grösste Polhöhe (67«) in Amerika.
Die arktische Flora selbst also behauptet den Charakter grosser
Gleichartigkeit, der jedoch durch die geognostische Bildung des Erdreichs
und die davon abhängige Temperatur der Bodenfeuchtigkeit
in einem grossen Verhältniss beeinflusst wird. Fragen wir nun, worin
diese Gleichheit physischer Bedingungen besteht, von der die Pflanzenforraen
nur der Ausdruck sind, so finden wir das üebereinstimmende
in der Kürze der Vegetationsperiode und in der verhältnissmässig
geringen Wärme auch dieses Zeitraums. Es giebt viele
Gegenden im arktischen Gebiet, wo die Lufttemperatur, wie in Spitzbergen
nur in den drei Sommermonaten über den Gefrierpunkt steigt,
und da die Saftbewegung der Pflanzen nur dann möglich ist oder
durch die Sonnenstrahlen eingeleitet fortdauern kann, wenn der
Boden flüssiges Wasser liefert, so muss ihre Organisation so eingerichtet
sein, dass sie einen Winterschlaf von wenigstens 9 Monaten
ertragen können. In einigen arktischen Ländern erstreckt sich die
über dem Frostpunkt liegende Wärme auf einen längeren Zeitraum,
in Island und an der grönländischen Westküste sogar bis auf 5 oder
6 Menateli), und doch verlängert sich auch in diesem Falle die
Vegetationsperiode nicht bedeutend, denn es geht eine beträchtliche
Zeit verloren, bis der Schnee des Winters weggeschmolzen ist, oder
wenn in den Herbstmonaten neue Schneefälle eintreten. Es ist dasselbe
Verhältniss, wie in der alpinen Region der Alpen oberhalb der
Waldgrenze, wo z. B. auf dem Bernhardhospiz 5 Monate lang die
Lufttemperatur über dem Gefrierpunkte steht und doch wegen des
Zeitverlustes, bis der Schnee entfernt ist, der Vegetation nur eine
Periodé von etwa 3 Monaten zu Gebote steht, die dem Baumleben
nicht genügt. Ich nehme an, dass die arktische Flora ebenfalls die
Entwickelungsperiode ihrer Pflanzen nicht leicht über 3 Monate verlängern
kann, dass sie aber in Gegenden, wo der Schnee erst spät