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106 II. WaUls-ebiet des östlichen Kontinents.
ist. Und noch gleichartiger bleibt der Charakter der Flora von Ungarn
bis zu den östlichen Steppengrenzen, wiewohl doch in dieser
Richtung die Vegetationszeit sich allmälig so weit verkürzen muss,
als Bäume dies überhaupt zu ertragen vermögen. Die noch so wenig
erforschten Landschaften der Donaufürstenthümer und Bulgariens
werden daher demnächst einen weiteren Aufschluss darüber geben
können, welche Gewächse der ungarischen Flora an die längere
Vegetationsperiode, welche andere an die höhere Sommerwärme gebunden
sind. Vergleicht man endlich das Klima Ungarns mit dem
von Deutschland, so zeigt sich auch hier, dass diese beiden klimatischen
Momente bei der Beurtheilung der Vegetationslinien zu berücksichtigen
sind. Denn es fehlt selbst noch in Norddeutschland (Thüringen)
nicht an Landschaften, welche eine ebenso lange Vegetationszeit
besitzen, als Ungarn, aber die Julitemperatur bleibt dann stets
zurück ^8), und eben darauf beruht die verhältnissmässige Gleichartigkeit
der deutschen Flora, dass durch die Erhebung der südlichen
Hochfläche und durch das tiefere Niveau des Nordens die Einflüsse
der geographischen Breite aufgehoben oder gemindert werden. Das
Klima der unteren Donauländer ist noch mehr durch die höhere
Sommerwärme, als durch die längere Dauer der Vegetationszeit bezeichnet.
Die Stauden erreichen unter solchen Bedingungen ein
höheres Wachsthum, als in Deutschland, wogegen die immergrünen
Sträucher Frankreichs, die Milde des Winters erheischen, fast ganz
verschwunden sind. „ ^
Alle diese klimatischen Momente, auf denen die Eigenthümlichkeit
der ungarischen Flora beruht, beziehen sich zunächst auf die waldigen
Gegenden, welche von dem Kranze der Karpaten aus die central
ge°legenen Steppen oder Pussten umgürten. In diesen selbst ist die
F l o r l durchaus geändert. Das Klima der russischen Steppen steht
in einem ähnlichen Verhältniss zu dem der Donauländer, wie am
Mittelmeer die immergrüne Region zu den Gebirgen, die sie umsäumt.
In beiden Fällen wird die Vegetationszeit durch den regenlosen Sommer
grösstentheils auf den Frühling eingeschränkt. Allein obgleich
die Flora der Pussten an der Theiss den Steppen Russlands ähnlich
ist und viele ihrer Bestandtheile übereinstimmen, so stehen doch beide
Gebiete nicht auf gleicher klimatischer Stufe. Die Pussten scheinen
die Ueberreste eines Seebeckens zu sein, wo die Wälder nicht, wie in
Pussten Ungarns. 107
Südrussland, aus klimatischen Ursachen fehlen, sondern wo der
Boden der Vegetation von Bäumen weniger, als der von Steppenpflaiizen
entspricht. Kerner hat in seinen trefflichen Schilderungen
der Vegetation in den Pussten freilich das Gegentheil behauptet, indem
er sagt , dass durch die späten Nachtfröste, sowie durch einen
heissen und dürren Hochsommer die Entwickelungsperiode auf so
enge Grenzen zusammengedrängt werde, dass nur Gewächse, deren
jährlicher Kreislauf rasch abgeschlossen werde, hier gedeihen könnten,
dass also die Pussten das Klima der russischen Steppen theilten.
Nur dort, wo offne Wasserflächen oder ausgedehnte Sümpfe sich ausbreiten,
dringe das Waldland mit seinen Eichengehölzen in die offene
Landschaft ein. Allein mitten in den ungarischen Pussten und fern
von den Stromlinien der Theiss und Donau,.z. B. zwischen Temesvar
und Szegedin, trifft man auf Dorfschaften mit ausgedehnten Maisfeldern
, wo auch der Obstbau mit Erfolg betrieben wird und also
Pflanzungen von Bäumen trotz des Klimas gediehen sind. Solche
Versuche, die Pussten einer höheren Kultur zu gewinnen, hatte ich
selbst zu sehen Gelegenheit, aber auch Kerner führt an, dass an den
Rändern der Tiefebene die Feuchtigkeit der Atmosphäre gross sei,
und dass sogar die Anlage von Nadelholzwäldern in der Gegend von
Düna Földvar nicht erfolglos blieb. Waldbetrieb und Ackerbau
stehen insofern unter gleichen klimatischen Bedingungen, als in
beiden Fällen eine mehr als dreimonatliche Vegetationszeit erforde.rhch
ist. Nicht die Wärme ist hier das entscheidende Moment, sondern
wie die atmosphärischen Niederschläge sich über die wärmeren
Jahreszeiten vertheilen, und ob sie in Ungarn, wie in Südrussland,
von dem Sommer ganz ausgeschlossen sind. Die meteorologischen
Beobachtungen in den Pussten Ungarns lehren nun, dass dies keineswegs
der Fall ist, und dass die Versuche, sie anzubauen, einer viel
günstigeren Zukunft entgegengehen, als in den russischen Steppen.
Der aus Nordosten über dieselben wehende Polarstrom, der dort
während des Sommers ununterbrochen anhält und die Ursache der
Regenlosigkeit in dieser Jahreszeit ist, dringt nicht mit gleicher
Regelmässigkeit über die Karpaten in das Innere von Ungarn ein.
Die in den Pussten vorkommende Sommerdürre, die in ihrem Umkreise
sich auffallend vermindert, ist nicht aus herrschenden Winden
zu erklären, die, in derselben Richtung verharrend, in Folge der