
9 8 IL Wakkebiet des östlichen Kontinents
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Gliederung der westeuropäischen Flora zu begründen. Je mehr
Vegetationslinien in gleicher oder analoger Lage zusammentreffen,
desto eigentlmmlicher wird der Charakter der Flora, welche sie begrenzen,
und desto mehr eignen sie sich daher zu botanischen Yergleichungen
verschiedener Länder. Bei dieser Untersuchung ergiebt
sich, dass in Westeuropa die Linien, welche einem bestimmten Abstände
von der Küste der Nordsee und des atlantischen Meers entsprechen,
von weit grösserer Bedeutung sind, als alle übrigen 4-).
Da im Allgemeinen die Küstenlinie von der Bretagne bis zur Ostsee
von Südwest nach Nordost verläuft, so sind diese Vegetationslinien
südöstliche oder nordwestliche, je nachdem die Pflanzen entweder
vom Binnenlande aus das Meer nicht erreichen oder in umgekehrtem
Sinne begrenzt sind. Aus diesem Verhältniss habe ich f r ü h e r g e -
schlossen, dass die Extreme der Temperatur für die Verbreitung der
Pflanzen hier die wichtigsten, klimatischen Werthe seien. Aber
dieser Schluss ist nicht durchaus beweiskräftig, und man stösst bei
der Anwendung desselben im Einzelnen auf manche Schwierigkeiten.
Von den westlichen Küstenpflanzen kehren manche tiefer im Binnenlande
unter einer südlicheren Breite wieder, bei anderen ist dieses
nicht der Fall. Hier sind also, wie weiter zu erörtern sein wird,
verschiedene klimatische Momente zu unterscheiden. Sodann sind
die Gewächse des Binnenlandes überhaupt mannigfaltiger, als die
der Küstengegenden unter entsprechender Breite. Im nordwestlichen
Deutschland wird die Flora auf gleichem Boden, z.B. auf demselben
Muschelkalk, man kann fast sagen, von Meile zu Meile ärmer, je
mehr man sich von Thüringen aus der Küste in den Weserlandschaften
nähert. Im Binnenlande kann der Austausch zwischen den
einzelnen Vegetationscentren in jeder Richtung stattfinden, während
die Küste die Gewächse ihres Hinterlandes nur von einer Seite her
empfängt. Es ist also die Frage, ob die der Küste parallelen
Pflanzengrenzen Avirklich in allen Fällen klimatische Vegetationslinien
sind oder nur eine Folge der beschränkteren Bahnen für die
Einwanderiing. Sicherer ist es schon, dass die Küstenpflanzen aus
klimatischen Ursachen dem Binnenlande fern bleiben, aber hier
könnte ausser der Temperaturkurve auch die grössere Feuchtigkeit
der Luft zu Grunde liegen. Alle diese Fragen sind nicht bloss durch
die Lage der Vegetationslinien, sondern zugleich durch Unter-
Zone der Kastanie. 99
•suchungen über die Lebensbedingungen der einzelnen Arten zu erledigen,
und da solche Arbeiten noch kaum unternommen sind; muss
die Entscheidung im Einzelnen oftmals künftigen Forschungen anheimgestellt
bleiben.
Die Vergleichung der Flora des westeuropäischen Tieflandes
führt zur Unterscheidung von drei Hauptgliederungen, die durch die
Lage gehäufter Vegetationslinien bestimmt sind. Da diese Linien
der Küste parallel verlaufen, treffen sie fast rechtwinkelig auf die
Buchengrenze. Die westliche Zone umfasst, vom biscayischen Meerbusen
ausgehend, den grössten Theil Frankreichs, England nebst
Irland, die Küstenlandschaften Deutschlands bis zum Rhein und zur
Oder, Dänemark und von Skandinavien den äussersten Rand, wo die
Buche noch gedeiht. Sodann folgt das mittlere Gebiet, welches vom
Dauphine aus die Schweiz, den grössten Theil Deutschlands nebst
Polen und Galizien begreift und nach Südosten bis an das Marchfeld
und die Karpaten reicht, wodurch zuletzt die ungarische Flora
begrenzt wird, die bis zur Balkanlinie, den Steppen am schwarzen
Meere und bis Podolien die südöstliche Zone bildet. Diese drei Zonen
entsprechen einigermassen bestimmten Grenzwerthen des Seeklimas,
wenn man dasselbe durch die Temperaturunterschiede des wärmsten
imd kältesten Monats ausdrückt, die erste dem von 10—14^ R., die
zweite von 14—18^ die dritte von 18—19*^48).
Es wäre wünschenswerth, für jede der drei Zonen des Buchenklimas,
wie in Russland, bestimmte Vegetationslinien einzelner Gewächse
zu Grunde zu legen. Die wenigen Bäume, welche sich hiezu
•eignen könnten, haben eine zu enge klimatische Sphäre, und doch
wirft ihre Verbreitung einiges Licht auf den Zusammenhang zwischen
Klima und Vegetation. In diesem Sinne können wir die Kastanie
{Castanea) für die französische, die Edeltanne (Pijius Picea) für die
deutsche und die Cerris-Eiche {Quercus Cerrts) für die ungarische
Zone als Charakterbäume gelten lassen. Diese drei Bäume sind dem
westlichen und südlichen Europa gemeinsam, aber jenseits der Alpen
-erheben sich die Waldungen,, die sie bilden, über der Ebene in ein
höheres Niveau, während sie diesseits das Tiefland, aber bis zu un-
.gleichen Polargrenzen, bewohnen.
Die Kastanie geht am weitesten nach Nordwesten. Durch ganz
Frankreich verbreitet, erreicht sie das südliche E n g l a n d v o n wo
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