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480 IV. Steppengebiet.
geschaffen wurden, gleichsam an der Grenze der Bedingungen ihres
Daseins stehen.
Die Erscheinung, dass so viele Steppen- und Wüstenpflanzen
das ebene Tiefland bewohnen, ohne in die Gebirge anzusteigen oder
sie zu überschreiten, ist besonders dadurch merkwürdig, dass diese
Fläclien, geologisch betrachtet, erst in der jüngsten Zeit vom Meere
entblösst worden sind. Die Entstehung dieser Vegetation fällt also
in die letzte Periode der Erdgeschichte. Geht man dabei von den
Vorstellungen Darwin's aus, so ist es schwer einzusehen, aus welchen
Organisationen der Vorwelt die Chenopodeen der kaspischen Salzsteppe
hervorgegangen sein sollen, da sie mit keiner Pflanzenform
der Tertiärzeit in näherer Verbindung stehen, und ebenso wenig
begreift man, weshalb sie sich hier zu viel mannigfaltigeren Gebilden
dem Sinne jener Hypothese gemäss gespalten hätten, als in Anatolien
oder Tibet. Alle solche ursprünglich gegebenen Eigenthümlichkeiten
entziehen sich durchaus unserer Einsicht und bleiben unerklärte
Probleme.
Da die Anordnung der Vegetationscentren des Steppengebiete
aus dem Endemismus der Arten sich noch nicht mit Sicherheit ableiten
lässt, so habe ich zunächst die monotypischen Gattungen in's
Auge gefasst, aus deren Vorkommen sich die ersten Anhaltspunkte
für solche Untersuchungen zu ergeben scheinen. In der Mehrzahl
der klimatischen Abschnitte finden wir eigenthümliche Organisationen,
aber ohne dass dabei eine Regelmässigkeit in ihrer Vertheilung oder
eine Abhängigkeit von der grösseren oder geringeren Mannigfaltigkeit
der Lebensbedingungen zu bemerken wäre. Denn gerade im
.kaspischen Tieflande, wo diese am einförmigsten sind, ist die Zahl
der Monotypen am grössten.
Ueberhaupt sind die Monotypen noch zahlreicher, als in Südeuropa.
Nach Ausscheidung derjenigen, die den Steppen mit einer
der Nachbarfloren gemeinsam angehören, habe ich noch über hundert
nach ihren Wohngebieten verglichen. Allein hier tritt derUebelstand
ein, dass eine grosse Anzahl zu den Gruciferen (38) und zu
den Umbelliferen (17) gehört, zu Familien, in denen die Systematik
der Gattiingen nach Grundsätzen bearbeitet worden ist, die keinen
Anspruch auf dauernde Geltung machen können, bereits vielfach im
Schwanken begriffen und mit denen, die man sonst befolgt, kaum
Monotypen. 481
vergleichbar sind. Ich halte es daher für angemessen, mir eme ausgewählte
und von mk selbst verglichene Reihe von Gattungen zu
berücksichtigen.
Meine Pflanzensammlung enthält aus dem kaspischen Tieflande
16 Monotypen, die auf diesen klimatischen Abschnitt des Steppengebiets
beschränkt sind. Aus ihrer Vertheilung geht hervor , dass
die Wohngebiete um so enger werden, je unfruchtbarer der Boden
ist, der sie ernährt. - Die Stärke der Wüstenpflanzen besteht in der
Widerstandsfähigkeit gegen äussere Schädlichkeiten: ihre Vegetation
ist träger, als die der Steppe, die sie fliehen, und deren energischer
wachsende Pflanzen ihnen den öden Boden, wo sie entstanden, frei
lassen, während diese selbst eben wegen ihrer höheren Lebenskraft
sich von ihren Centren in anderen Richtungen weiter ausgebreitet haben.
In der Wüste Kisilkum aniAral sind zwei Monotypen, ebenso viele in
der öden Lehmsteppe von Buchara entdeckt worden, und noch zwei
andere umfassen gleichfalls die Umgebungen jenes Binnenmeers. Die
Gattungen, welche Südrussland erreichen (5), finden sich sämmtlicli
auch in der Kirgisensteppe oder jenseits derselben in der Songarei,
und unter diesen beginnen drei erst jenseits der Wolga, wo die Grassteppen
selten werden. Nur durch einen Monotyp ist die östliche
oder songarische Steppe bezeichnet, die übrigen (4) verbreiten sich
von dieser bis zur Ostküste des kaspischen Meers. Die verglichenen
Gattungen sind folgende : die Leguminosen Ammodendron: Aralfluss
bis Songarei; Ammothamnus : Kisilkum ; Eremosparton: Wolga bis
Balchasch; die Rosacee ä m M ™ : Kirgisensteppe—Songarei; die
•Zygophyllee Miltianthm : Buchara ; die Gruciferen Cithareloma : Kisilkum,
eine zweite Art zwischen dem Aral und Buchara; Streptoloma:
Buchara; Lachnoloma: Kisilkum ; Stroganowia: Songarei (auch
am Tabargatai daselbst); die Umbellifere Muretia : Podolien—Kirgisensteppe;
die Boraginee Rindera: Don—Songarei; die Synanthereen
KareMnia : Wolga—Songarei; Ancathia : Kirgisensteppe bis
Songarei; die Chenopodeen Girgensohnia: Wolga—Kirgisensteppe ;
Z o Ä a : . Kaspische Ostküste—Aral; die Liliacee RJmiopetalum
Kirgisensteppe —Songarei. Hieran reihen sich 5 monötypische
Gattungen, die vom kaspischen Tieflande ausgehend dessen Grenzen
überschreiten, jedoch ohne die südlich gelegenen Hochebenen zu erreichen:
die Leguminose Haimodendron: Kirgisensteppe u. Buchara
G r i s e b a c l i , Vegetation der Erde. I. 31