
42 I. Arktische Flora.
Form der Laubmoose und Erdlichenen. 43
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kurzen Vegetationszeit ist, so kann, AVO sich diese einigermassen
verlängert, aucli das Durclischnittsmass der arktischen Vegetation
bis zu einem gewissen Grade überschritten werden. An der Seeküste
des arktisclien Amerikas fand ßichardsonö) Wiesen iu geschützter
Lage, deren Gräser (Calamagrostis, Elymus) eine bedeutende Grösse
erreichen, wenn sie auch nicht so üppig wachsen, wie in einigen
Gegenden Lapplands. ScoresbyS) verglich sogar die Vegetation von
Jameson's Land (70 o) an der Ostküste Grönlands, wo der Graswuchs
einen Fuss Höhe erreichte, stellenweise mit den besten Wiesen Englands.
Die Laubmoose enthalten unter allen in der arktischen Flora
physiognomisch hervortretenden Gewächsen die kleinsten Formen.
Wenn in unsern Wäldern unter den Temperaturschwankungen des
Winters der Boden sich stellenweise von Schnee entblösst, sieht man
sofort die Moose und Lichenen lebhaft vegetiren, obgleich die Bodenwärme
noch auf dem Gefrierpunkte verharrt, weil das Aufthauen in
den nächsten Umgebungen fortdauert. Solche kryptogamische Gewächse
entwickeln sich also bei einer Temperatur, bei welcher das
vegetative Leben übrigens aus dem Winterschlafe noch nicht erwachen
kann. Sie saugen die Feuchtigkeit mit ihrer ganzen Oberfläche ein,
nicht bloss durch die Wurzeln, wie die Gefässpflanzen. Es giebt
nur wenige höher organisirte Gewächse, die sich ebenfalls in der unmittelbaren
Nähe schmelzenden Eises zu entwickeln vermögen, wie
die Soldanellen, die am Saume der Alpengletscher zu blühen pflegen.
Zuweilen durchbricht ihr Blüthenstiel eine dünne Schneedecke, während
dieselbe zugleich in nächster Nähe der Blume aufthaiit, was
wohl nur durch Wärme, welche das Gewächs selbst erzeugt, zu erklären
ist. In anderen Fällen bemerkt man, dass die blühenden
Soldanellen in kleine, den Boden entblössende Gruben von Schnee
eingesenkt erscheinen, eine ähnliche Erscheinung, wie die, dass
Steine von geringer Grösse in das Gletschereis einsinken, weil die
Sonne sie stärker erwärmt, als das Eis selbst. Es fehlen indessen
Beobachtungen über die Temperatur, welche solche Gewächse annehmen,
und es ist wahrscheinlich, dass dieselbe, sei sie nun durch
Insolation oder durch Eigenwärme erzeugt, etwas höher steht, als
die des schmelzenden Eises. Eine Messung der niedrigsten Bodenwärme,
bei welcher sich zwei arktische Stauden entwickelten, hatBaer
mitgetheilt 27): dieselbe betrug nur 1 o über dem Frostpunkt.
Es ist gewiss, dass jeder Pflanze ein bestimmtes geringstes Mass
von Wärme zukomnit, bei dem sie zu vegetiren anfängt, und so gering
die Ansprüche der arktischen Flora in dieser Beziehung sein
mögen, so sind sie doch bei den einzelnen Organisationen nicht dieselben.
Vielleicht können diese Temperaturen nur bei den Zellenpflauzen
auf den tiefsten Werth sinken, bei welchem eine Saftbewegung
möglich ist, auf den des schmelzenden Eises, jedenfalls aber
L t ihre klimatische Sphäre einen weit grösseren Umfang, als bei
den Gefässpflanzen. Denn hierauf beruht es, dass viele Arten von
Zellenpflanzen durch die verschiedensten Klimate der Erde verbreitet
sind. Nur wenige von den arktischen Phanerogamen kommen diesen
kryptogamischen Gewächsen nahe und sind daher fähig, in ihrer
Gemeinschaft die Tundren zu bewohnen. Wenn das unterirdische
Eis nur bis zu einer geringen Tiefe aufthaut und das Wasser keinen
hinreichenden Abfluss hat, muss, wie bemerkt, die Bodentemperatur
den ganzen Sommer hindurch auf dem Gefrierpunkte stehen bleiben,
weil die Wärme der Sonnenstrahlen durch die fortschreitende Schmelzung
vollständig verbraucht wird. Dies sind daher die Bedingungen,
unter denen auf der Tundra fast nur Zellenpflanzen übrig bleiben
und die Formen der Laubmoose und Lichenen sich des Bodens fast
ausschliesslich bemächtigen. Unabhängig von der Dauer der Vegetationszeit,
wachsen ihre Organe fort, so oft Wärme und Feuchtigkeit
es gestatten. Auf der ganzen Erde bei den verschiedensten
Temperaturen vegetirend, haben sie hier das Vorrecht, selbständige
Formationen von grösstem geographischem Umfange zu erzeugen,
weil die übrigen Gewächse ihnen nicht folgen können.
Die Form der Laubmoose, die sich von der der Erdlichenen
durch ihre grüne Farbe unterscheidet, herrscht auf dem Festlande
des arktischen Sibiriens, von wo sie über den Ural in das Samojedenland
eintritt, ohne' in der alpinen Eegion Lapplands und Norwegens
in gleichem Umfange entAvickelt zu sein. Dem geneigten Boden der
Gebirgsabhänge entspricht das Feuchtigkeitsbedürfniss der Tundramoose
nicht, welches das flache Tiefland aus den Vorräthen des
unterirdischen Eises befriedigt. Der Schnee schmilzt auf der Moosdecke
zwar schon zu Anfang des Sommers, aber anderthalb Monate
später, an einem der wärmsten Tage des Jahrs (2. August), fand
Middendorff4) im Taimyrlande da, wo das Moos den Boden beschat