
136 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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trägt hängende Zapfen, bei den beiden Edeltannen stehen dieselben
aufrecht; und an der Unterseite ihrer Nadeln verläuft ein weissliclier
Längsstreifen, die europäische hat aus dem Zapfen hervorragende,
die sibirische versteckte Deckblätter. Die Lärche zeichnet sich durch
ihre gehäuften Nadeln aus, die im Winter abfallen. Von diesen
Coniferen bilden die Kiefer und die Fichte die ausgedehntesten Waldbestände.
Da ihr Wohngebiet häufig zusammenfällt, kann man
leicht erkennen, in wiefern ihr Vorkommen von Bodeneinflüssen abhängt.
In Westeuropa ist die Kiefer das Nadelholz der Ebene^ die
Fichte ist der herrschende Gebirgsbaum, und selbst geringe Höhenunterschiede
begründen zuweilen diese Anordnung, wie auf den
Hügelwellen der Lüneburger Haide. Im nördlichen Russland^^'-^), wo
nur die Sümpfe den Wald unterbrechen, ist umgekehrt die thonreiche
Niederung des alten rothen Sandsteins von Fichtenwäldern, das sandige
Hügelland des Diluviums von der Kiefer bedeckt, die aber ebenfalls
das Wasser nicht scheut, wenn sie nur lockeren Boden findet.
In den Alpen sieht man die Kiefer bei Weitem nicht so hoch ansteigen,
wie die Fichte, während sie auf den Fjelden des südlichen
Norwegens bis zu gleichem Niveau vorkommt m^^ in Lappland,
wo sie an ihrer Polargrenze (70 ö) zuweilen noch 60 Fuss hoch ist,
beinahe bis zum äussersten Saume der Wälder reicht, von dem die
Fichte in einem grösseren Abstände (67'^*, lokal 69^) zurückbleibt.
In Sibirien wiederum, wo sie bis in das Amurgebiet sehr verbreitet
ist und oft mit den Tannen und anderen Bäumen gemischt wächst,
findet sie sich nicht einmal bis zum Polarkreise ^i). Alle diese so
grossen und verschiedenartigen Ungleichheiten des Vorkommens lassen
sich fast ohne Ausnahme auf zwei Forderungen ihrer Organisation
zurückführen, auf die tiefe Pfahlwurzel, mit welcher die Kiefer
in den Boden eindringt, und auf das grössere Lichtbedürfniss ihrer
weitläuftig geordneten Nadeln. Merkwürdig sind die Unterschiede
ilu'es Wachsthums: die Höhe kann 120 Fuss betragen oder zu verkrüppelter
Form herabsinken, je nachdem die Erdkrume fester oder
lockerer ist und die Feuchtigkeit aufspart oder in den Untergrund
entlässt. Desshalb flieht sie auch das Gebirge, wenn die Gesteine
mit einer zu flachen Erdkrume bedeckt sind. Die Fichte verhält sich
in ihren Ansprüchen an den Boden und an die Beleuchtung entgegengesetzt.
In ihren geschlossenen Beständen erzeugt sie den tiefsten
Nadelhölzer. 137
Schatten, und man erstaunt, wie sie an den steilen i'elsgestaden der
norwegischen Fjorde auf dem kleinsten Absatz mit ihren flachen
Wurzeln sich zu befestigen vermag und doch dabei zu der Grösse
der höchsten Mastbäume sich erhebt, wenn der Boden ihr nur Feuchtigkeit
genug spendet. Aus den äusseren Lebensbedingungen ist es
indessen nicht zu erklären, dass die Kiefer im Tieflande Ungarns
fehlt, wo sie den passendsten Boden finden würde und gewiss auch
nicht durch klimatische Ursachen ausgeschlossen wird. Von Galizien
aus verbreitet sie sich nur bis zum Fuss der Centrai-Karpaten ^
und in Siebenbürgen hat sie nur die obere Waldregion an einzelnen
Orten erreicht. Da Ungarn fast vollständig von dem Kranze der
Karpaten umschlossen wird, so wird die Erscheinung als eine unvollendete
Wanderung zu betrachten sein, indem der Baum die Höhen
des Gebirgs von auswärts nicht zu überschreiten und daher in das
innere Tiefland nicht einzudringen vermochte. Klimatisch verglichen
scheint die Fichte von der Kiefer durch die kürzere Vegetationszeit
sich zu unterscheiden, und rückt daher auf den Pyrenäen, an deren
Fuss dieselbe am längsten währt, höher in das Gebirge, als auf den
Alpen. Da aber ihre Polargrenze von Skandinavien bis zum Jenisei,
wenn wir nämlich die sibirische Fichte als eine blosse Spielart auffassen,
überall fast unter gleicher Breite liegt, so verhält sie sich
ungeachtet ihres Schattenbedürfnisses wie ein Gewächs des solaren
Klimas [Lappland und Kanin Petschora 68^, Jeniseisei 670 93j',
Umgekehrt ist die Lärche ein Baum, der das Licht sucht, wie die
milde Helligkeit ihrer Wälder andeutet, und gerade sie wächst nicht
in Skandinavien, nicht im Meridian der Alpen, sondern im Nordosten,
zwischen dem weissen Meere und dem Ural. Diese nordischen
Lärchen, die wir als sibirische Spielarten betrachtet haben, sind von
der europäischen Form, die in der Schweiz die oberste Waldregion
bewohnt, durch die ganze Tiefebene Russlands von Wjätka bis zu
den Karpaten getrennt, und hiemit stimmt die Verbreitung der
Cembra-Kiefer oder Arve überein, nur dass diese in Sibirien nicht
so weit nach Norden reicht (68^) und diesseits des Ural Süd westwärts
bis Wologda und Perm gefunden wird. Dieser Baum ist durch fünf
in derselben Scheide vereinigte Nadeln und durch essbare Samen
kenntlich, derselbe scheint an eine kurze Wachsthumsperiode gebunden
zu sein und beschattet den Boden tiefer als die Lärche. Die
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