
56 I. Arktische Fiorii. Matten.
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denen diese Weidegründe diu-eli die scliinale Zone der blnmenreiclien
Matten getrennt werden, welclie an den Abhängen und Abstürzen
des Landes gegen den Strom sieh liinzielit.
Die Formation der arktischen nnd alpinen Matten nnterscheidct
sich dadurch von den Wiesen und Cyperaceen-Sümpfen, dass der
Grasrasen zurückgedrängt und durch Stauden ersetzt wird. Dies ist
das einzige anmuthige Landsciiaftsbild in den Polarländern, wo ein
freudiges Grün erscheint und die Vegetation von lebhafterem Wachstlium
mit glänzenden Blumenfarben aller Art geschmückt ist. Denn
hier, wo der Boden stärker geneigt ist, als auf den so geringfiigigen
Uncbenlieiten der Tundra, verliert sich im Frühjahr rascher k-is
Schneewasser, frühzeitiger beginnt das Eis zu thauen, und höhere
Wärme wird daher auch im Sommer von dem Erdreich aufgenommen,
um so mehr, wenn ein benachbarter Strom, die Temperatur ausgleichend,
als ein Schutzmittel gegen den periodisch wiederkehrenden
Frost zu Anfang und Ende der guten Jahreszeit dient. Aehnlich ist
auch der Eindruck, der auf den arktischen Inseln den Naturfreund
so lebhaft anregt, der bunte Teppich, den Baer mit einem von
kunstreicher Hand in der Eisregion angelegten Garten und mit dem
Schmuck der alpinen Landschaft in den Alpen vergleicht. Er schildert
den mit purpurfarbigen Blumen dicht besetzten Rasen der Silenen
und Saxifragen, gemischt mit den azurnen Sternen des Vergissmeinnicht,
mit goldgelben Ranunkeln und Draben und mit anderen Blüthen
von blauen, weissen und hellrotiien Farbentönen, unter denen
das Grün des geringen Laubes kaum bemerkt wird. Aber er findet
auf den alpinen Matten der Alpen die Pflanzen doch mehr massenhaft
zusammengehäuft. Die Blüthen der arktischen Flora sind gleichmässiger
unter einander vermischt, die einzelnen Rasen stehen weit
genug von einander entfernt, um den Boden zwischen sich sichtbar
werden zu lassen, und so gleicht dieser reichgefärbte Teppich am Fuss
der Berge von Nowaja Semlja einem sorgsam gereinigten Blumenbeet.
Selbständige Gebüsche von Holzgewächsen treten, da die Formen
der Zwergsträucher Nebenbestandtheile der Tundren und Matten
sind, in grösserem Umfange nur da auf, wo die Vegetationszeit
sich verlängert. Hier mischt sich die Weiden- und Rhamnusform
zu Gesträuchen von höherem Wüchse, wie in der Nähe der Baumgrenze
an der Behringstrasse, wohin die nordische Erle sich ver-
Gebüsche. — Schneclinie. 57
breitet [Almts incana mit Arten )]. So sind auch die 1 ;avafelder
im sfidlichen Island mit Birken und Weidengebüsch bewachsen,
welches zuweilen Mannshöhe er]-eicht [IMula alba u. nana, Salix
pki/lirifolm n. lanata). Aber ebenso wie an den Küsten dieser
Insel der Golfstrom das Klima verbessert, so wird auch durch das
fliessendc Wasser der Ströme die Entwickelungsperiode der Vegetation
verlängert, und von diesem Verhältniss ist das höhere Weidengesträuch
der arktischen Flussufer der Ausdruck (im Samojedenlande
z. B. Salix Imatata mit Alnus fmücosa, im arktischen Amerika
(S. speoiosu).
Regionen. Wie hoch sich die arktische Vegetation an den
Abhängen des geneigten Bodens nach aufwärts erstrecke, ist schwierig
festzustellen und in manclien Fällen kaum auf ein mittleres Mass
zurückzuführen. Man kann auch von südlicher gelegenen Gebirgen
nicht behaupten, dass die Schneelinie eine Grenze des organischen
Lebens überhaupt sei, sondern nur, dass hier der zusammenhängende
Pflanzenwuchs aufhöre, indem in jeder beliebigen Höhe, da wo
Schnee oder Eis an der Oberfläche nicht haften oder sich nicht
dauernd erhalten, die Bedingungen für die Vegetation einzelner Gewächse
gegeben sind und eben in der Schneeregion selbst die arktischen
Formen häufiger wiederkehren. In den Polargegenden ist die
Lage der Sclineegrenze indessen viel unbestimmter, weil sie, wie
früher gezeigt wurde, in viel höherem Grade von den örtlichen Einflüssen
abhängt. Bacr^^) erklärt es geradezu für unmöglich, in
Nowaja Semlja ihr Niveau zu bestimmen, weil nicht die Abnahme
der Wärme mit der Höhe, sondern die örtliche Erwärmung das allein
entscheidende Moment bilde, Es gi'ebt dort ewige Schneemassen,
die von den Gebirgskämmen herab bis auf wenige Klafter vom Spiegel
des Meers reichen, und deren Anhäufung selbst auf die Umgebungen
bis zu diesem Grade erkältend einwirkt. Wo aber die Sonnenstrahlen
die ganze Fläche eines Abhangs treffen, kommen Berge von mehr
als 3000 Fuss Höhe vor, die schon im Juli fast ganz von Schnee
entblösst sind, indem das nackte Gestein du]'ch die Insolation so stark
erwärmt wird, dass schon bei eisiger Luftwärme das Erzeugniss des
Winters fortschmilzt. An der Meerenge Matoschkin Schar sah Baer
zwei ansehnliche Berge, von denen der'eine (3100 Fuss hoch) vom
Fuss bis zur Spitze mit ewigem Schnee bedeckt war, der andere,