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178 IL Waldgebiet des ostiiclien Kontinents.
in die waldigen Tiefebenen Schwedens allmälig hinüberführt. Aber
im Süden des 63. Breitengrads ist zwischen beiden Gehängen die
breite, wellenförmig gebaute Hochfläche der norwegischen Fjelde
eingeschaltet, die, da sie oberhalb der Baumgrenze liegt, die alpine
liegion am weitläuftigsten entwickelt und einen bedeutenden Theil
des Landes der Benutzung und Ansiedelung entzieht. .Auf der
atlantischen Seite erhöht der Golfstrom zwar die Wärme des Jalirs,
aber nicht die des Sommers : denn derselbe wirkt in der Form
des Seeklimas, dessen milder Winter und dessen erweiterte Vegetationszeit
an dem durcli die Fjorde so sehr verlängerten Küstensaum
die Vegetationslinien nacli Norden rückt. Aber die Höhengrenzen
stehen unter einem anderen, einem stärkeren Einflüsse. Was
das atlantische Meer diesen schroffen Gebirgsabhängeu an Wasserdampf
zuführt, entladet sich hier, so dass die Küste von Bergen zu
den feuchtesten Gegenden Europas gehört. Durch diese Wolkenbildungen
wird die Sommerwärme in den höheren Niveaus herabgedrückt,
und mit ihr sinken die Regionen der Vegetation und die
Schneelinie unter die Norm herab. Sobald aber die Höhe des Gebirgsrandes
der Fjelde erreicht ist, äussern sich im südlichen Norwegen
die entgegengesetzten Einflüsse des Plateauklimas, nun rücken
nach Massgabe des trockeneren und verhältnissmässig wärmeren
Sommers alle Grenzen nach aufwärts. Die inneren Fjelde tragen
daher viel weniger ewigen Schnee, als diejenigen Gebirge, welche
bei gleicher Höhe dem atlantischen Meere genähert sind. Auf den
Jisbraeern (62 o), die der Küste und dem Sognefjord nahe liegen, und
die ein Firndach von über 20 Quadratmeilen, das grösste Norwegens,
besitzen, lässt sich doch noch eine erhöhte Stellung der Schneelinie
erkennen, weil sie mit dem grossen Fjeldplateau zusammenhängen.
Die tiefste Lage der Vegetationsgrenzen und der Schneelinie zeigt
andererseits der Folgefond (60('), der rings von dicht anschliessenden,
nebelreichen Fjorden umgeben ist, zu welchen zahlreiche Gletscher,
ihre Umgebungen erkältend, Iiinabsteigen, und dessen kuppenförniige
Plattform (5090 Fuss hoch) grösstentheils mit Firn bedeckt
ist, der durch seine Masse zugleich die Sommerwärme in Ansprucli
n i m m t N a c h den örtlichen Verschiedenheiten der Exposition,
der Neigung, der plastischen Gestalt wechseln in Norwegen die
Höhengrenzen so sehr, da^s es schwer hält, Mittelwerthe von einiger
Skandinavische Fjelde. 179
Zuverlässigkeit zu erhalten, aber in diesen erst zeigt sich der Einfluss
des See- oder Plateauklimas. Fragen wir nun, ob dieselben
auf den Küstengebirgen deprimirt oder ob sie auf dem Fjeldplateau
elevirt seien, so weicht die Schneelinie von der für diese Breitengrade
aufgestellten Formel in ersterer Beziehung fast ebenso sehr
ab als in letzterer: man kann die mittlere Depression am Folgefond
auf 600Fuss, dieElevation im Bereiche des Fjeldplateau auf 700 Fuss
schätzen Ich habe diese Verhältnisse mit denen des Himalaja
und Tibets verglichen: Schneegebirge grenzen an ein kahles Hochland,
wo durch die Plateauerwärmung im Gegensatz zu den dem
Meere zugewendeten und durch dasselbe befeuchteten Abhängen alle
Höhengrenzen sich verschieben. In Lappland treffen wir auf ähnliche,
vielleicht noch stärker ausgesprochene Gegensätze, aber hier
dürfte der Baumwuchs an der Küste seinen klimatischen Grenzwerth
nach aufwärts kauni erreichen.
Die Vergleichung der skandinavischen Regionen mit denen der
Alpen und anderer europäischer Hochgebirge enthüllt uns einige
Charakterzüge, welche dem hohen Norden jenes Gepräge grossartiger
Naturstille aufdrücken, die den Südländer in diesen Landschaften
befremdlich anzieht und des Eingeborenen inniges Anschliessen an
seine Heimath begreiflich macht. Denn nicht die Dürftigkeit der
Gaben wird empfunden, wenn die Natur durch ihre Grösse sich der
Herrschaft der Menschen über ihre Kräfte entzieht. Es sind die
grossen Wälder Skandinaviens und die weiten Einöden der Fjelde,
die bei allem Reichthum der Wasserverbindungen die menschliche
Betriebsamkeit auf enge Räumlichkeiten einschränken und die ursprünglichen
Wechselbeziehungen des organischen Lebens ungestört
walten lassen.
Die Wälder nehmen in den Gebirgen Skandinaviens einen
grösseren Raum ein, als in den Alpen, weil die östliche Abdachung
so sanft geneigt und in weiteren Abständen von Thälern durchfurcht
ist, weil nicht bloss das Klima, sondern auch das geognostische Substrat
der Ausbreitung des Ackerbaus entgegensteht. Die ganze Halbinsel
vom Nordkap bis zu dem Hügelrücken, der Schonen, die südlichste
Landschaft Schwedens, absondert, ist eine zusammenhängende
Gneissmasse, die wegen der Langsamkeit ihrer Verwitterung nur
wenig Erdkrume frei macht. Dieses überall, auch im Tieflande
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