
'H
260 III. Mittelmeergebiet.
l'irà
' j
h
keinen Ersatz findet. Auch sind ohne Zweifel im ganzen Gebiete
des Mittelmeers durch die lange Dauer der Kulturblüthe ihrer Bewohner
und durch den Verfall ihrer Epigonen diese Einflüsse gesteigert
worden. Aber mit Kecht ward gesagt, dass »die Kultur sich
keineswegs ihr eigenes Grab grabe«. Denn viel mächtiger und
allgemeiner wirken die Kräfte der Natur, als der Kampf des Menschen
gegen sie. Wenn Attika in der That bedeutend verloren hat,
wenn hier der Regenfall nur noch 9 Zoll im Jahre beträgt, wie es
gewiss nicht der Fall gewesen, als die Höhen noch waldreich waren,
so haben sich dagegen in Nordalbanien die ausgedehnten Eichenwälder
erhalten, die von hier aus über Serbien zur Donau reichen und
auf das Klima der ganzen Halbinsel ohne Zweifel von weit bedeutenderem
Einflüsse sind, als die kahlen Küsten Griechenlands. In
der That ergeben die Messungen des Regenfalls schon in Janina den
hohen Werth von 48 Zoll, ebenso viel etwa wie in einem feuchten
Alpenthal, freilich in einer für die Vegetation sehr ungünstigen Vertheilung
36). Der Zusammenhang der mitteleuropäischen Vegetation
von Nordalbanien ujid Macédonien mit Serbien und Ungarn ist in
jenen Wäldern am deutlichsten ausgesprochen und wird dadurch befördert,
dass in der Gegend des Amselfeldeè (42 o N. B,) die Verbindungen
der bosnischen Alpen mit den östlichen Ketten des Balkan
und der Rhodope mehrfach durch Lücken unterbrochen sind. Hier
liegen am Fusse des nördlichen Scardus die weiten Thalbecken am
weissen Drin und im Quellgebiete des Vardar in einem weit tieferen
Niveau [700—850 Fuss 3 7 ) a l s an den Küsten die immergrüne
Region ansteigt. Dass aber demohngeachtet im Inneren des Landes
die Vegetation rein mitteleuropäisch ist und mitten im Sommer kein
Anzeichen der Dürre erkennen lässt, beweist, dass der Sommerpassat
diese Gegenden nicht erreicht. Ebenso wie in Italien der Apennin
es ist, der den Sommer der Lombardei dadurch fruchtbarer macht,
dass er die trockenen Winde abhält, wirken hier die albanischgriechischen
Gebirgsketten. Eine Linie, die, von den dinarischen
Alpen ausgehend, über die Stromengen des Drin bei Skutari bis zum
hohen Tomoros bei Berat von der Küste allniälig sich entfernt, dann
in südöstlicher Richtung denPindus erreicht (40ON. B.) und zuletzt
in der Othrys-Kette (39 o) endet, bildet die Grenze der Landschaften
mit regenfreiem Sommer gegen das innere, mitteleuropäische Vege-
Klima Anatoliens. 261
:
tationsgebiet. Man kann daher hier mit noch grösserem Rechte, als
in Italien, diesen weiten Raum der nördlichen Flora zutheilen, weil
kein zusammenhängender Gebirgskamm denselben von den Donauländern
scheidet. Aelinliche Verhältnisse wiederholen sich in der
östlichen, macedonisch-thracisclien Hälfte der Halbinsel. Hier scheint
die Rhodope einen ähnlichen Einfluss auf die Entwickelung des
Sommerpassats zu äussern, wie dort der Pindus. Auf das Reichste
ist die Mediterranflora von der thessalischen Küste aus über die Vorgebirge
von Chalcidice ausgebreitet, aber in Thracien nimmt sie allmälig
Bestandtheile der Steppenvegetation auf: hier sind weitere
Forschungen im Maritzathal und Bulgarien erforderlich, um die
Grenzen des Steppenklimas im Donaudelta mit der mitteleuropäischen
und immergrünen Vegetation genauer festzustellen.
Die vierte, die anatolische Halbinsel, ist Spanien sowohl an
Gestalt und Grösse, als in der Bildung der Oberfläche ähnlich,
unterscheidet sich aber dadurch, dass die Hochebene, welche durch
das Innere sich erstreckt, und die von der Küste oft nur durch Randgebirge
und schmales Vorland getrennt ist, in einem höheren Niveau
liegt und durchschnittlich auf 3000 Fuss geschätzt werden kann.
Durch das Relief entsteht hier ein wirkliches Steppenklima, die
Vegetationszeit ist auf eine kurze Frühlingsblüthe eingeschränkt.
Da ferner Kleinasien mit dem noch höher gelegenen armenisch-persischen
Hochlande in ununterbrochener Verbindung steht, kann man
nur die Küstenlandschaften mit dem Mittelmeergebiet naturgemäss
zusammenstellen. Durch diese Verknüpfung der Steppen aber mit
der immergrünen Region, sowie durch die über das ganze Hochland
unregelmässig vertheilten alpinen Gebirge, auf denen sowohl nordeuropäische
Gewächse wiederkehren, als auch reiche, selbständige
Vegetationscentren in ursprünglicher Absonderung verharren, ist die
Flora Anatoliens noch weit mannigfaltiger als die spanische. Aber
auch die Küstenlandschaften, welche für die hier zu besprechenden
Fragen allein in Beträcht kommen, zeigen ganz ähnliche klimatische
Gegensätze, wie in Spanien, und diese sind ebenso, wie dort, der
Ausdruck ihrer verschiedenen, maritimen Lage. Während das Klima
der Westküste loniens, den normalen Verhältnissen der geographischen
Breite und kontinentalen Stellung Anatoliens entsprechend,
sich unmittelbar an das der griechischen Küsten anschliesst und