
44 I. Arktische Flora. Erdliclienen. — Wiesengräser. 45
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tete, denselben noch in 2 Zoll Tiefe gefroren. Im europäischen
Samojedenlande beobachtete Schrenk <>), dass di(?Tundra im Sommer
eine Spanne, höchstens einen Fuss tief anfthaiie. Von diesen Unterschieden
ist die Wassermenge der oberflächlichen Bodenschicht abhängig,
in welche die Moose mit ihren schwachen Wurzeln so wenig
emdringen. Zwei verschiedene Grade der Feuchtigkeit werden dadurch
angedeutet, dass die beiden herrschenden Gattungen von Laubmoosen
mit einander abwechseln (Polytriohum und Sphagnum,). Das
Polytrichum-Moos, mit seinem kurzen, einfachen Stengel, seinen gedrängten,
bräunlich grünen Blattnadeln dem unentwickelten Triebe
eines Nadelholzes vergleichbar, bildet die unermessliche Tundra des
arktischen Sibiriens, wo der Boden verhältnissmässig weniger Feuchtigkeit
darbietet. Das Sphagnum-Moos verwandelt ihn, wie in niedrigeren
Breiten, in ein Torfmoor, in einen Morast von grösserer
Feuchtigkeit, aber doch nur geringer Tiefe, weil das Eis immer noch
so nahe unter der Oberfläche liegt. Zu der Feuchtigkeit aber trägt
dieses Moos selbst durch seine Organisation bei, weil es ein besonderes
Gewebe von geöffneten Zellen und dadurch die Fähigkeit besitzt,
das Wasser kräftiger, als die gewöhnlichen Laubmoose, aufzusaugen
und zurückzuhalten. Von Feuchtigkeit getränkt, nimmt es
eine lebhafter grüne Farbe an, im trockenen Zustande wird es weisslich
gelb, und durch den Wechsel mit diesen matten Tinten und dem
bräunlichen Schimmer des Polytrichum spricht sich die geringe
Energie des auf der Tundra gleichsam ersterbenden vegetativen
Lebens aus.
Wenn die Form der geselligen Laubmoose einen lockeren mit
Feuchtigkeit gesättigten Boden voraussetzt, so sind die Erdlichenen
da in grossen Massen vereinigt, wo anstehendes Gestein der Oberfläche
nahe liegt und diese leichter abtrocknet. Man unterscheidet
daher die nasse Tundra, die von Moosen, und die trockene, die von
Lichenen bekleidet ist. Wahlenberg sagt von der Lichenenregion in
Lappland, dass sie sich in der Sonne bedeutend erhitzen könne Die
Moose halten die kalte Feuchtigkeit zurück, die sie so begierig aufsaugen,
die Lichenen können Nässe und Trockenheit gleichmässig
ertragen und sind, je nachdem ihr Gewebe im dürren Zustande von
der Sonne getroffen, im befeuchteten durch die Nähe des unterirdischen
Eises oder des Schnees erkältet wird, beständig den äussersten
Temperaturschwankungen ausgesetzt, die hier möglich sind. Die
Lichenentundra ist im arktischen Amerika vorherrschend, und die-,
selbe Vegetation kehrt auf den alpinen Fjelden Skandinaviens in der
Nachbarschaft der Schneelinie wieder. In beiden Fällen vegetiren
diese Erdlichenen auf dem sandigen Verwitterungsprodukt granitischer
Felsmassen: wahrscheinlich ist für ihr Gedeihen auch mehr
mineralischer Nahrungsstoff erforderlich, als die Moose bedürfen, wie
das festere Gewebe und die Menge der Aschenbestandtheile andeutet.
Die herrschenden Arten von Erdlichenen gehören zix drei Gattungen
{Cetraria^ Cladonia, Evernia) : nach ihrer mannigfachen, aber matten
Färbung, ihrem aufrechten, oft reichlich verzweigten Wachsthum,
ihrer Grösse, die ein bis zwei Zoll zu erreichen pflegt, ist ihr Gesammtbild
mit keiner anderen Pflanzenform zu vergleichen. Die
häufigsten Fai^ben sind Braun bis ins Schwarze, Grau oder Gelblichweiss,
der Boden zeigt diese Färbungen schon aus der Ferne. Nach
der Art der Verzweigungen sind mehrere Bildungen ^S) zu unterscheiden,
die den physiognomischen Charakter ihrer Standorte bestimmen
: die Form der Rennthierflechten, aus vielfach verästelten,
starren Fäden gebildet, die an ihren sparrigen Enden sich verschlingen,
die der Öladonien, einfacher und derber gebaut, und die der
isländischen Flechten, die in blattai-tig erweiterte, am Rande der
Fläche leicht gekräuselte Zweige auslaufen.
Die Grasformen der arktischen Flora gehören theils zu den
rasenbildenden Wiesengräsern, theils zu den Cyperaceen, die durch
die fehlende Anschwellung an den Knoten des Halms sich von jenen
unterscheiden. Beide Formen bewegen sich in demselben Bildungskreise
der Organisation, wie in den Waldgebieten der gemässigten
Zone, die erstere am fliessenden, die letztere an dem gestauten Wasser
des Sumpfbodens vorzugsweise entwickelt. Unter den Gefässpflanzen
übertreffen diejenigen, welche an das Wasser oder überhaupt an
feuchte Standorte gebunden sind, die übrigen bedeutend an Grösse
ihres Wohngebiets. Während einerseits der Austausch über weite
Landstrecken durch die Wanderungen der Wasser- und Sumpfvögel
erleichtert wird, die ihren Samen mit sich führen, ist die engere
Temperatursphäre des Wassers nicht minder geeignet, den Umfang
ihrer Lebensbedingungen über einen grösseren Raum auszudehnen.
Denn die Sonne erwärmt das Wasser and den feuchten Boden nicht