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176 IV. Stoppongobict,
Region ist auch hier waldlos, die dürren Hügel sind mit Stoppensträuchern
bewachsen. Weiter thalaufwärts nehmen lichte, aninuthige
Laubgehölze von niedrigem Wuchs die sanften Gehänge
eiu {Pistaaia, Behda, Crataegus u. a.). Neben diesen mannigfach
wechselnden Baumformen bekleidet der im Allgemeinen überneigende
Wachholderwald den Fontau [Junipems foeticUssima s. o.). Aber auch
dieses Nadelholz ist keineswegs hochwüchsig; mächtig sind zwar die
Stämme an Dicke, aber ihre Höhe scheint nicht viel über 18 Fuss
zu messen. Von Steppenpfianzen stets begleitet, besteht das Unterholz
aus Sträuchern der Rhamnus- und Spartiumform (z. B. Lonicera,
Ephedra). Durch einige Arten ist eine Verwandtschaft mit der persischen
Gebirgsflora ausgedrückt, namentlich durch das Lonicerengebüsch
[L. persica) und durch eine Liane [Cissus aegirophylla) ^ die in
ihrer Rankenlosigkeit mit einer am Zagros vorkommenden Art [C. vitifoUa)
übereinstimmt). Ueber dem Coniferenwalde folgt unmittelbar
die alpine Region, die dem Reisenden eine reiche Ausbeute gewährte,
liier wechselten Alpenmatten, deren Feuchtigkeit und Fruchtbarkeit
iu den herrschenden Stauden sich ausspricht (z. B. Polygtnmm alpi-
7uim), mit Felsboden, wo, wie in den Alpen, die kleineren Arten
sich ansiedeln, aber auch mit dürren Abhängen, die mit Steppenpllanzen
bekleidet sind (z. ß. AcaMlwUmon, Co-mima). Durch diese
Mischung der Formen ist der llebergang zur tibetanischen Flora ausgedrückt.
V e g e t i l t i o n s c e i l t r e n . Nur in einzelnen Gegenden und namentlich
in Russland ist die Verbreitung der Steppenpflanzen genügend
erforscht worden, um Untersuchungen über die Lage der Vegetationsceutren
darauf gründen zu können. Aus den südlichen Tafelländern
kennt man meist nur die Ausbeute einzelner Reisenden, und in diesem
Falle kann man daher die endemischen von den weitei- ausgedehnten
Wohngebieten nicht sicher unterscheiden. Lehrreiche Beiträge
zur Erforschung des geographischen Ursprungs der Vegetation
gewähren indessen die Steppen doch dadurch, dass sie zeigen, wie
die räumliche Anordnung ihrer Pflanzen weder mit den Normen des
Waldgebiets, noch mit denen Südeuropas übereinstimmt, liier haben
sich in den kontinentalen Ebenen die Vegetationscentren fast in demselben
Masse gesondert erhalten, wie auf den Gebirgen ; die klimatischen
oder mechanischen Hindernisse ihrer Vermischung sind zwar
Absonderung der Vegetationscentren 477
vorhanden, aber nicht so deutlich erkennbar, wie auf den Halbinseln
des Mittelmeers.
Die Flora des Steppengebiets ist viel reicher, als man nach den
ungünstigen , physischen Bedingungen und nach der Einförmigkeit
der Pflanzenformen erwarten sollte. Ich schätze die Zahl der bereits
aufgefundenen Pflanzen, die dem Steppengebiet mit Einschluss der
Gebirge eigenthümlich angehören, auf 6000 Arten, indem meine
Sammlung über 3000 enthält, und nach Massgabe dessen, was aus
dem Orient und aus dem Inneren Asiens bekannt geworden ist, leicht
ebenso viele entbehren mag. Dazu kommen noch diejenigen Gewächse,
welche den Steppen und ihren Gebirgsketten mit den Nachbarfloren
gemeinsam sind, wodurch, da sie weit weniger zahlreich
auftreten, als die endemischen, der Reichthum vielleicht auf 8000
Arten steigen mag. Diese Summe, auf 300000 Quadratmeilen, etwa
den achten Theil der ganzen Erdoberfläche vertheilt, erscheint zwar
immer noch geringfügig (eine Art auf 377^ Q- M.), aber doch ungefähr
um ein Drittel grösser, als im Waldgebiet, wenn wir dessen
Umfang angenähert gleich setzen. Mit der viel mannigfaltigeren
Vegetation des Mittelmeergebiets lässt sich jene Ziffer nicht füglich
vergleichen, weil eine Flora um so viel reicher erscheint, je kleiner
der Raum ist, den sie einnimmt. So sehr nun die Summe der endemischen
Erzeugnisse des Steppengebiets durch die entlegenen und in
ihrem Charakter so verschiedenartigen Gebirge erhöht wird, so ist
doch der Wechsel der Arten auch in den Ebenen, selbst in denen des
kaspischen Tieflands, ungleich häufiger und auffallender, als im
Waldgebiet. Nachdem die Steppen Südrusslands schon zu Pallas
und Bieberstein s Zeit ziemlich genau erforscht waren, hat jede botanische
Reise, auf welcher man über die Kirgisensteppe weiter in
die Songarei und nach Turkestan vordrang, eine bedeutende Anzahl
neuer Pflanzen geliefert. Man braucht nur einen Blick in die russische
Literatur zu werfen und auf die stets wachsende Zahl der Astragaleen,
der Synanthereen und einiger anderer Gruppen aufmerksam
zu sein, um sich hievon zu überzeugen. Und doch sind diese Ergebnisse
von den botanischen Sammlungen im Orient noch weit übertroff'en
; noch niemals sind im Verlauf weniger Jahre von einem einzelnen
Botaniker so viel neue Pflanzen beschrieben worden, als von
Boissier aus den Tafelländern Vorderasiens.
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