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64 I. Arktisclie Flora. Wiinderun^ der arktischen Pflanzen.. 65
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lieber Pflanzen des Waldgebiets, die bier unter dem Einfluss des erwärmenden
Golfstroms weiter als anderswo nach Norden gelien. Auf
keine einzige Thatsache stützt sich die Vorstellung von dem höheren
Alterthum der Vegetation Skandinaviens, wo nur eine seltene Vereinigung
von Pflanzen grosser Wohngebiete zu Stande gekommen ist,
wie sie der mannigfaltigen klimatischen Gliederung des Landes entspriclit.
Ein ursprungliches Vegetationscentrum können wir nur
daran erkennen, dass endemisclie Gewächse vorhanden sind, die sich
von liieraus nicht verbreitet haben, und in diesem Sinne kann Skandinavien
nicht als ein Ausgangspunkt von Pflanzenwanderungen
gelten, weil es kaum Spuren von eigenthümlicben Arten besitzt. Der
grössteTheil der eigentlich arktischen Pflanzen, die dem Waldgebiete
fremd sind, findet sich rings um den Pol verbreitet, und von diesen
tritt eine Anzahl in die alpine Region Lapplands und Norwegens ein,
zumTheil nur sporadisch an einzelnen Standorten. Was diese Kegion
vor der arktischen Flora voraus hat, theilt sie mit anderen europäischen
Gebirgen. Schon das Samojedenland besitzt eine Reihe von
Arten, die im skandinavischen Lappland nicht vorkommen, und so
arm auch die Flora hier und im arktischen Sibirien wegen der grossen
Ausdehnung der Tundren erscheinen mag, so finden sich doch gewisse,
endemische Arten, im skandinavisclien Lappland nicht. Wir
haben daher bes^ei-e Gründe, eine Einwanderung der arktischen
Pflanzen aus Asien in die Gebirge Skandinaviens anzunehmen, als
deren Heimath in die letzteren zu verlegen, Avie dies bereits von
Christ näher dargelegt worden ist.
Island wird ebenso, wie die Ostküste Grönlands, an der Nordseite
von der arktischen Meeresströmung getroffen, die an Treibholz
vielleicht die ergiebigste der Erde ist. Die Reihe der grossen sibirischen
Ströme, die in dem lockeren Diluvialboden fast unbewohnter
Wälder stetig ihr Bett verändern, ist eine unerschöpfliche Quelle für
die Aufnahme von losgespiilten Baumstämmen, die sie in das Eismeer
tragen, dessen Wogen sie zuletzt an fernen Küsten aiihäufen. Wie
das Treibholz können auch die Keime und Sprossen lebender Pflanzen
sich aus diesen Strömungen ansiedeln, wenn sie das geeignete
Klima finden. Die arktischen und alpinen Gewächse sind in Island
weniger zahlreich ^ als in Grönland, aber fast sämmtlicli übereinstimmend
: nur 5 Arten sind in Grönland bisher nicht aufgefunden^
von denen zwei auch in Sibirien vorkommen, die drei anderen in den
westeuropäischen Gebirgen einheimisch sind. Wenn Pflanzen durch
Meeresströmungen verbreitet werden, so wird ihre Zahl mit der Entfernung
vom Ausgangspunkte allmälig abnehmen, und dieser Forderung
entspricht das Verhältniss der arktischen Vegetation Grönlands
und Islands, indem das sibirische Treibeis früher an die grönländische
Ostküste angespült wird, ehe es die Nordküste Islands erreicht.
Noch früher, als Grönland, berührt es Spitzbergen, aber in dieser
hohen Breite können manche Arten, die sich in Grönland ansiedeln,
niclit gedeihen. Wenn Island an arktischen Gewächsen zurücksteht,
so ist doch die Flora reicher, als die grönländische: dieser Vorzug
beruht auf Pflanzen des europäischen Waldgebiets. Die Verknüpfung
Islands mit Westeuropa ist nicht durch den Golfstrom zu erklären,
den diese Wanderung rechtwinkelig trifft, sondern zum Theil den
über alle Meridiane wandernden, nordischen Vögeln zuzuschreiben,
mit ihren Ruhepunkten auf den Shetlands und Far-Oeer. Auf den
Felsen der hochnordischen Küsten und unbewohnten Inseln, die ihnen
nahe liegen, treten diese Seevögel in solchen Massen auf, dass man
ihren Anblick von den vorüberziehenden Schiffen aus mit den dicht
gedrängten Zuschauern eines Theaters verglichen hat. Eine Reihe
von Sumpf- und Wasserpflanzen, die anderswo in hohen Breiten
nicht mehr vorkommen, hat sich in Island, namentlich in der Nachbarschaft
der Thermen angesiedelt. Dann ist aber diese Insel
auch das einzige Gebiet der arktischen Flora, wohin eine alte Civilisation
vorgedrungen ist: die Bevölkerung ist vielleicht grösser, als
in allen übrigen arktischen Ländern zusammengenommen, und so hat
der Verkehr die Ansiedelung einer Reihe von Pflanzen (22 Arten)
bewirkt, die den Menschen auf seinen Wanderungen zu begleiten
pflegen.
Spitzbergens Flora ist, der Richtung des arktischen Stroms entsprechend,
näher mit Sibirien und Grönland, als mit Lappland verknüpft.
Reichlich der vierte Theil der daselbst vorkommenden Gefässpflänzen
fehlt in Skandinavi en(24 Arten unter 93), in Grönland
fehlen nur 12 Arten, und da diese bereits der Mehrzahl nach
im arktischen Asien nachgewiesen sind und die übrigen hinreichendei'
systematischer Sicherstellung ermangeln, so entspricht die Vei'theilung
docli auch hier der geograpliischen Lage, nach welcher Spitz-
Ci r i a e b a c Ii, Vegetation der Erde. i. 5