
366 III. Mittelmeergebiet.
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von Gibraltar, wobei die letztere als eine den südafrikanischen Stapelien
verwandte, succulente Asclepiadee merkwürdig ist. Auf den
einsamen Inseln Lampedusa und Linosa zwischen Malta und Tunis
von Gussone ^beobachtet, kommt sie ausserdem nur noch an zAvei
westlichen Punkten, in Granada und an den Grenzen von Marokko
vor, wo sie schon einige Jahre früher von Webb am Meeresufer
bei Almeria bemerkt und in der Gegend von Oran seitdem häufig beobachtet
worden ist. Die Lage der beiden kleinen Inseln im Süden
von Sicilien ist so versteckt und nach Westen durch die vorspringende
Küste von Tunis so abgeschlossen, dass man weit eher einen Austausch
zwischen jenen westlichen Standorten und Sardinien oder
Sicilien selbst erwarten sollte. Die Pflanze ist physiognomisch so
ausgezeichnet und fremdartig, dass, wenn sie auch an einzelnen
Orten noch unentdeckt vegetiren mag, eine zusammenhängende Verbreitung
längs der afrikanischen Küste, die von so vielen, scharfsichtigen
Botanikern besucht worden ist, in der Gegenwart durchaus
nicht angenommen werden kann. Um so weniger, als diese europäische
Stapelie ein Halophyt ist und daher zunächst an den Seestrand
gebunden sein musste. Hier haben wir also einen Fall intermittirender
Verbreitung, der uns sehr geneigt machen wird, eine
Abnahme des Fortbestehens dieser Pflanze für wahrscheinlich zu
halten und vorauszusetzen, dass sie früher ein zusammenhängendes
Litoral bewohnte und an den meisten Standorten durch andere Gewächse
verdrängt und zu Grunde gegangen sei.
Wie wenig nun überhaupt das eingeschlossene, an grossen und
regelmässigen Strömungen arme Mittelmeer zur Verbreitung der
Pflanzen beigetragen hat, ergiebt sich daraus, dass fast die dreifache
Anzahl von monotypischen Gattungen nur eine einzige der Halbinseln
oder andere eng begrenzte imd durch das Meer abgeschlossene
Landstrecken bewohnt. Wie sich diese ungleich und nach Massgabe
der Vegetationscentren vertheilen, steht in einer gewissen Beziehung
zu dem Reichthum der einzelnen Abschnitte des Gebiets an eigenthümlichen
Pflanzen überhaupt. Nur Spanien besitzt mehr monotypische
Gattungen, als das auatolisch-syrische Küstenland, dem es
an endemischen Arten nachsteht.
Vergleicht man die durch das Meer gesonderten Abtheilungen
des Gebiets nach der Anzahl ihrer eigenthümlichen Pflanzen und
Absonderung der Vegetationscentren. 367
nach der Grösse ihrer O b e r f l ä c h e ^ so erhält man folgende Reihe,
in welcher das Verhältniss angenähert durch die beigefügte Ziffer
ausgedrückt wird. Die grösste Zahl lieferte der anatolisch-syrische
Abschnitt (V7—Vs)^ hierauf folgen die griechische Halbinsel (Y^o).
Spanien (V13), die Atlasküste (Vis); und am ärmsten an endemischen
Erzeugnissen ist Italien {^/ro)- D^ss diese Ungleichheit nicht allein
eine Folge der mehr oder weniger abgesonderten Lage sei, geht
schon daraus hervor, dass Anatolien mit Griechenland geographisch
wenigstens ebenso nahe verbunden ist, als dieses mit Italien. Aber
noch viel deutlicher zeigt sich die ungleiche und regellose Anordnung
der Vegetationscentren, wenn man von den grösseren Abtheilungen
zu den engeren, geographischen Bezirken übergeht. Sicilien {%)
ist um das Sechsfache reicher ausgestattet, als das Festland von
Italien (Vse)? auch wenn man die beiden Abschnitten gemeinsamen
Arten dem letzteren hinzufügt, Kreta (^2) übertrifft die griechische
Halbinsel (Y^o) ^ ^ ^^^ Fünffache und steht überhaupt allen übrigen
Ländern des Mittelmeergebiets im Verhältniss zu seiner Grösse an
Mannigfaltigkeit eigenthümlicher Erzeugnisse voran. Ebenso merkwürdig
ist die Erscheinung, dass das Inselpaar^ von Sardinien und
Korsika einen Gegensatz zeigt, der sich wenigstens auf das Vierfache
steigert. Beide Inseln sind durch Moris, Viviani und Andere
so gut bekannt, wie irgend ein anderer Abschnitt des Mittelmeergebiets.
Wiewohl sie einen grossen Theil ihrer endemischen Erzeugnisse
unter einander ausgetauscht haben, so sind doch auf Korsika
viele Arten beschränkt geblieben. Im Allgemeinen sind demnach,
da das Meer auf die Wanderungen der Pflanzen hemmend einwirkt,
die Inseln reicher an endemischen Erzeugnissen, als Abschnitte des
Festlands von gleicher Grundfläche, aber die Ungleichheiten der Inseln
selbst lassen sich doch nicht aus der Beschaffenheit des Bodens
und Klimas erklären. Korsika ist gebirgiger; die Berge sind höher,
als in Sardinien, aber die eigenthümlichen Pflanzen Korsikas sind
auch in der warmen Region zahlreich. Ein hohes, geologisches Alter
ist beiden Inseln gemeinsam, so weit sie von Petrefakten führenden
Formationen unbedeckt sind. Aehnlich ist auch das Verhältniss von
Kreta zu Cypern, zwei Inseln, die nach ihrer Grösse, ihrer Lage und
nach ihrem Klima so ähnlich sind. Ich finde ^ ¿ass nur etwa
10 endemische Arten auf Cypern entschieden sichergestellt sind.
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