
88 IL Waldgebiet des östlichen Kontiuents
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Wärme der Küste selbst wird durch treibende Eismassen vermindert.
Aber wenn diese Verhältnisse den Einfluss des Meers auf einen engen
Raum einschränken, so ist im Inneren von Sibirien die östliche Verschiebung
der kontinentalen Jahreszeiten von den Hochländern
Centraiasiens und der Wüste Gobi abzuleiten. Das kontinentale
Klima wird nicht bloss durch den unmittelbaren Einfluss des Meers,
sondern auch durch die äquatorialen Luftströmungen gemässigt,
welche in ihren von Südwest nach Nordost gerichteten Bahnen die
Wärme niederer Breiten dem Norden zuführen. In dieser Richtung
nun liegen dem grössten Theile Sibiriens die höchsten Gebirgsketten
der Erde und die sie verbindenden oder sich ihnen anschliessenden
Hochflächen gegenüber, so dass alle Wärme des Südens der Atmosphäre
entzogen ist, ehe die Südwestwinde das sibirische Tiefland
erreicht haben. Man erkennt aus der Lage von Jakutsk an der
Lena, dass eine Linie, von hier aus nach Südwesten bis Indien gezogen,
gerade dem grössten Durchmesser der Hochlande entspricht,
wo die Trockenheit der Luft und die Erhebung des Bodens vom östlichen
Altai bis zum Himalaja die das Klima mässigenden Einflüsse
des tropischen Asiens am vollständigsten ausschliesst. Auf der anderen
Seite weist der Ursprung nordöstlicher Luftströmungen an der
Lena auf das erst kürzlich entdeckte Festland, welches Ostsibirien
im Eismeere gegenüberliegt, und vielleicht haben hier auch die Polarwinde
weniger Feuchtigkeit als weiter westwärts. Der heitere Himmel,
der die meisten Luftströmungen begleitet, gestattet den Wäldern
und selbst dem Ackerbau über dem tief gefrorenen Erdboden sich zu
entwickeln, aber im Winter hemmt er den Schneefall und unter dem
Einfluss der nächtlichen Ausstrahlung gefriert Wochen lang das
Quecksilber.
Unter allen die Physiognomie der Landschaft bestimmenden
Waldbäumen ist die Buche der vollkommenste Ausdruck für den
klimatischen Einfluss des Seeklimas in Europa. Die nordöstliche
Vegetationslinie der Buche beginnt im südlichsten Theile Norwegens
(zwischen Holmestrand und Frederiksvärn, 59 ^N. B. i^), berührt
die schwedische Westküste von Gothenburg, geht an der Ostküste
nur bis Kalmar [57^1 und durchschneidet fast geradlinig den Kontinent
vom frischen Haff bei Königsberg aus über Polen bis Podolien
nnd bis sie jenseits der Steppen in der Krim und am Kaukasus
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Buchenklima. 89
sich wieder fortsetzt. Im europäischen Russland finden sich daher
die Biichenwälder nur in einigen westlichen Grenzprovinzen. In
nordöstlicher Richtung erhöht sich die Winterkälte sowohl als auch
die Vegetationszeit verkürzt wird. Die Frage, welcher dieser beiden
klimatischen Werthe es sei, wodurch die Buche von Osteuropa ausgeschlossen
wird, löst sich dadurch, dass die Winterkälte in Gothenburg,
wo sie noch gedeiht, strenger ist^^), als an der Westküste von
Norwegen und im Norden von Edinburg, wo sie nicht mehr vorkommt.
Eine Verkürzung der Vegetationsperiode auf einen Zeitraum
von weniger als fünf Monaten aber erträgt die Buche nicht. Sie belaubt
sich in Kopenhagen, nicht fern von ihrer Polargrenze, zu Anfang
Mai lind zu dieser Zeit hebt sich dort die tägliche Wärme
auf 8 O R. Nehmen wir an, dass die Buche ihre Blätter daselbst
wieder verliert, wenn die Temperatur unter diesen Werth gesunken
ist, so erhalten wir eine Vegetationszeit von fünf Monaten, vom Mai
bis zum September, und in der That dauert dieselbe noch etwas
länger, indem die Entlaubung erst etwa bei 6 ^ eintritt. Jenseits der
Verbreitungsgrenze ist die Zeit, in welcher das Thermometer sich
über 8 ^ hält, zu Christiania und Petersburg einen halben, zu Stockholm
einen ganzen Monat kürzer. Die Buche gehört zu den Bäumen,
welche ihreEntwickelungsperiode über jenes Mass hinaus weder
verkürzen noch bedeutend verlängern können. Gerade da, wo ihre
Vegetationslinie den europäischen Kontinent schneidet, erreicht das
Waldgebiet, von Nordwesten nach Südosten gemessen, einen weit
grösseren Durchmesser von Meer zu Meer, als in Deutschland und
Frankreich, und somit liegt hier die Grenze des höher entwickelten
Seeklimas, welches der Buche die nöthige Zeit zur Entwickelung einräumt.
Deshalb eignet sich die östliche Buchengrenze vor allen anderen
Vegetationslinien dazu, die beiden Hauptabschnitte der europäischen
und der russisch-sibirischen Waldflora naturgemäss zu
scheiden. Die erstere hat eine Vegetationszeit von fünf bis acht, die
letztere von drei bis fünf Monaten.
In einer gewissen Harmonie und auf ähnliche klimatische Werthe
gegründet, verlaufen die Polargrenzen der Eiche von Skandinavien
nach Russland und verschiedener Nadelhölzer, welche die Birke
begleiten, die letzteren von der lappländischen Baumgrenze durch das
nördliche Russland und Sibirien, bis zuletzt am Amur wieder andere
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