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uns eine Vorstellung von der hohen Kulturblüthe. die einst auch auf
der Hochebene Kleinasiens herrschte, wo jetzt kurdische Nomadeu
mit ihren Heerden umherziehen. In Ermangelung umfassender Beobachtungen
über das Klima können wir schon hieraus schliessen,
dass bei vernachlässigter Irrigation der Ackerbau nicht zu bestehen
vermochte, der von jeher die erste Bedingung der Städtegründung
und höherer Civilisation war. Denn erst dann, wenn die Arbeiten
sich theilen, die unter den Nomaden jeder Familie obliegen, wenn
sie zu einer unter das ganze Volk angemessen vertheilten Organisation
von verschiedenartigen Beschäftigungen werden, ist den Begabtesten
Ruhe des Nachdenkens und Aufschwung politischer und religiöser
Gesinnung gegönnt, jene geistige Erhebung, welche zu künstlerischen
Bauten , zu der Errichtung von Denkmalen und der Gottheit
geweihten Tempeln anregte, deren Ueberreste uns jetzt von dem
erloschenen Streben der Bewohner dieses Landes ein Zeugniss sind.
Das anatolische Hochland scheint bei dem ersten Ueberblick w^enig
geeignet, den Ackerbau durch das fiiessende Gebirgswasser zu fördern,
da es nur schwach mit Flussadern ausgestattet und selbst der
grösste Strom, der Halys, im Verhältniss zu dem Umfange des Gebiets,
welches er entwässert, von geringer Bedeutung ist. Man hat
daher gßmeint, der Entwaldung der Gebirge die Verödung des Landes
zuschreiben zu müssen. Allein bei einer näheren Betrachtung des
Reliefs gelangt man zu einem anderen Ergebniss, welches, wenn der
Geist der heutigen Bevölkerung es erlaubte, auch hier auf eine
Wiedererweckung des Orients hoffen Hesse. Der Taurus, der sowohl
im Osten als im Süden das Randgebirge der Hochfläche bildet, ist
noch jetzt mit ausgedehnten Wäldern bedeckt, und auch den nördlichen
Gebirgen am Pontus fehlen sie nicht. Im Inneren ist die
Hochebene reich mit Hebungen erfüllt, die theils zu einzelnen Ketten
sich absondern, theils in unregelmässig zerstreuten Bergkegeln emporragen,
unter denen der höchste, der Argäus bei Kaisaria, fast
12000 Fuss misst (11824'). Entbehren diese Höhen selbst auch des
Baumwuchses, so umschliessen sie doch zahlreiche Becken, deren
Gewässer, ohneAbfluss nach aussen an der Binnenseite des südlichen
Taurus gelegen , von diesem gespeist werden. Die westliche Abdachung
der Halbinsel hat nicht sowohl ein Randgebirge, als vielmehr
eine Reihe hoher, zum Theil senkrecht gegen das ägäische
Armenien. 415
Meer gestellter Parallelketten, zwischen denen bewässerte Thalfurchen
tief in das liniere hinaufreichen. Je unbedeutender daher
die einzelnen Flüsse Anatoliens sind, desto grösser ist ihre Anzahl
und desto günstiger ihr Gefälle, um zu Irrigationen benutzt zu werden.
Und auch jetzt fehlt es, wie die Städte im Innern, die Opiumkultur
von Karahissar, die immer noch erhebliche Industrie von
Angora und Konia, die Handelsthätigkeit in Kaisaria beweisen, an
Kulturoasen in den Hochsteppen Anatoliens nicht. Selbst auf dem
verödeten Hochlande der Städteruinen von Lycien wird nach Art der
Sennwirthschaft ein eigenthümlicher Korn- und Weinbau betrieben,
indem die Bewohner der tiefer gelegenen Küstenterrasse während des
Sommers zu diesem Zwecke daselbst die sogenannten Yailah's beziehen,
das heisst ihren periodischen Wohnsitz im Gebirge aufschlagen^^).
Die politische Gebirgskette und deren hochalpine Fortsetzungs^)
über den Isthmus zwischen dem schwarzen und kaspischen Meere,
die Einige den unteren oder südlichen Kaukasus genannt haben,
bilden den Nordi:and Armeniens, eines Landes, dessen Niveau in der
Ebene von Erzerum (6050 Fuss) ungefähr doppelt so hoch liegt als
das Innere Anatoliens. Von jenem Randgebirge gehen zugleich in
südwestlicher Richtung die zahlreichen Gliederungen des Taurus, in
südöstlicher die Ketten von Kurdistan aus, und beide erfüllen das
Hochland in solchem Masse, dass die Flächen zu abgesonderten
Becken werden oder auch nur zu blossen Flussthälern sich verengen.
Die grossen Landseen des Goktschai und des Wan in Armenien, sowie
des Urinia in Aserbeidschan zeigen indessen, dass die Gebirge
in gewissen Gegenden weit genug aus einander treten, um geräumige
Hochebenen zu erzeugen, und diesem Verhältniss entspricht auch der
Vegetationscharakter Armeniens, der als Hochsteppe bezeichnet
worden ist, wo weite Strecken von Traganthsträuchern und stechenden
Staticeen [Acantholimon) bedeckt sind^^). Die östlichen Grenzen
der armenischen Flora sind noch nicht genauer bekannt. Nach den
Sammlungen der Reisenden Szowits aus Aserbeidschan und Kotschy s
aus Kurdistan zu schliessen, scheinen diese Gebirgsländer nicht erheblich
abzuweichen und den üebergang zur persischen Flora zu
vermitteln. Südwärts ist die Abdachung zum mesopotamischen Tieflande
sanfter, als im Norden zum Pontus und zum Rion und Kur,
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