
312 III. Mittelmeergebiet. Rhamnusform. — Nadelhölzer und Cypressenfonio. 313
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An die Laubliölzer mit periodischer Belaubung reihen sich zahlreiche
Gesträuche, welche im Winter ebenfalls ihre Blätter verlieren.
Bald tragen sie, den immergrünen Formen eingestreut, dazu bei, die
Mannigfaltigkeit der Maquis zu erhöhen, bald bilden sie das Unterholz
der Wälder, aber einige sind auch zu selbständigen Formationen
durch geselliges Wachsthum verbunden. Das Letztere ist namentlich
bei den Eichengesträuchen der Fall, die in der europäischen
Türkei ungemein häufig sind und wohl als die Ueberreste einstiger
Hochwälder gelten dürfen, welche, allen Schädlichkeiten preisgegeben,
sich nicht wieder verjüngen konnten. Wiewohl ich von Sträuchern
, die der Rhamnusform des nördlichen Europas entsprechen,
allein in der Mediterranflora über 50 Arten zähle und diesen in den
Gebirgsregionen noch manche andere sich anreihen, die meist mit
denen höherer Breiten identisch sind, so haben doch nur wenige für
die Physiognomie der Landschaft ein besonderes Interesse. In der
immergrünen Region fallen manche dadurch auf, dass die Rhamnusform
nicht bloss in den Blüthen, sondern auch in der Gestalt des
Laubes und im Wüchse hier weit mannigfaltigere Bildungen zeigt, als
in Mitteleuropa. Ich zähle darunter Arten aus 27 Gattungen, die
zu 16 verschiedenen Familien gehören. Die grösste und die für. die
spanische Halbinsel bedeutendste Reihe gehört auch hier wieder zu
den Genisteen (z. B. Adenocarpiis, Sarothamnus), indem der Formenkreis
dieser Gruppe von den nackten und dornigen bis zu den reichlich
belaubten Stämmen vollständig entwickelt ist. Um aber zu
zeigen, wie mannigfaltig auch in anderen Gegenden die Organisation
der Sträucher sei, genügt es, die wenigen Arten anzuführen, die für
bestimmte Abschnitte des Gebiets oder durch die Geselligkeit ihrer
Individuen besonders charakteristisch sind. Im Westen finden wir
eine Malvacee mit rundlich gelappten Blättern [Lamtera olbia), im
Osten eineStyracee mit feiner, weisser Behaarung [Styrax ofßcinalis),
am Pontus eine reich mit grossen , farbigen Blumen geschmückte
Ericee {Azalea pontica). Eine Euphorbiacee mit gedrängter Belaubung
bedeckt die sonnigen KiesgerÖlle der ligurischen Küste {Euphorbia
clendroides) : dieser Strauch ist dadurch merkwürdig, dass er im
Sommer die Blätter abwirft und unter dem Einflüsse der Herbstregen
sich wieder belaubt o^). Eine aromatische Verbenacee (Vitex agnus
castus), die dichte, ausgedehnte Gebüsche an den Flussufern bildet
und im Arabischen »Hand der Maria« genannt wird, verdankt diesen
Namen der graziösen Bildung des Laubes, welches aus fünf zierlichen
Blättchen besteht, die wie die Finger einer Hand an dem
Blattstiele sternförmig ausgebreitet sind und auf der unteren Fläche
von einem zarten, weissen Flaum glänzen ö«). Sind nun auch alle
diese besonderen Erscheinungen des Südens den Waldregionen der
Gebirge fremd, so trifft man doch auf den höchsten Gipfeln, vom
Atlas bis zum Libanon und Athos, einen anmuthigen Zwergstrauch,
der hier in seinem Wuchs und in seiner Belaubung an die Zwergbirken
des Nordens erinnert, aber mit lebhaft rothen Blumen das
nackte Felsgerölle belebt [Prumis prostrata).
Die Coniferen nehmen an der Bildung der Wälder in Südeuropa
einen ebenso grossen Antheil, als die Laubhölzer. Sie bilden nicht
bloss, wie im Norden, häufig die oberen Waldregionen der Gebirge,
sondern eigenthümliche Arten sind auch an den warmen Küsten weit
verbreitet. Wenn aber in vielen Gebirgen die Laub- und Nadelhölzer
nach Regionen, also klimatisch geschieden sind, so ist dies in
anderen Gegenden und namentlich im Bereich der Mediterranflora
ebenso wenig der Fall, wie in den Ebenen des nördlichen Europas.
Die Beschaffenheit der Erdkrume ist auch hier für die Physiognomie
der ganzen Landschaft entscheidend. Wo sie flach auf dem Felsen
ruht oder wo sie sandig ist und in Folge dessen stärker von der
Sonne erhitzt wird, bewaldet sie sich leichter mit Nadelholz, wogegen
Bestände des Laubwaldes auf einem thonreicheren Boden, den sie
bald stärker mit Humus füllen, dichter und kräftiger zu gedeihen
pflegen. So sind die grössten Gegensätze des landschaftlichen Charakters,
der doch vorzugsweise von den Holzgewächsen abhängt, oft
geographisch nahe zusammengerückt. Die Insel Cypern besitzt fast
nur Nadelwald, während in dem gegenüberliegenden Syrien die
Laubhölzer allgemein vorherrschen ^O). Ist aber die ganze Reihenfolge
klimatischer Werthe, von den Baumgrenzen Europas bis zur
afrikanischen Wüste der Coniferenform als solcher angemessen, so
bieten doch die einzelnen Arten von Nadelhölzern einen sehr geeigneten
Massstab für ihre Abstufung zu Regionen oder nach klimatischen
Linien und Vegetationscentren. Ich unterscheide im Mittelmeergebiete
18 Arten von Coniferenbäumen, von denen 11 zu der
Gattung Pinus im weiteren Sinne, die übrigen zu 4 anderen Gattungen
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