
288 III. Mittelmeergebiet.
danken, tritt das Frostwetter daselbst nicht im Januar ein, welcher
schon in dem freier gelegenen Sebastopol der kälteste Monat ist,
sondern erst gegen den Schluss des Winters und oft erst im März
oder April, also zu einer Zeit, zu welcher die Blätter des Oelbaums
bereits ausgewachsen und daher nun nicht mehr so empfindlich gegen
die Kälte sind. Die immergrünen Pflanzen leiden nicht als solche
von der Kälte, wie man am Epheu oder selbst in den kontinentalsten
Klimaten an dem Preisseibeerenstrauch und an einigen Stauden, wie
den Pyrolen, sieht, sondern nur, wenn ihre Belaubungsperiode in die
kalte Jahrszeit fällt. Kein Hinderniss in der Organisation aber liegt
vor, dass nicht auch immergrüne Holzgewächse von kurzer Vegetationszeit
bestehen könnten, und hiedurch erklärt sich, ganz abgesehen
von besonderen Schutzmitteln gegen die Winterkälte, dass
solche Laubsträucher, wie das nordamerikanische Rhododendron,
noch in dem kontinentalen Klima Kanadas die Wälder schmücken
und ähnliche Formen die alpinen Regionen der gemässigten Zone
bewohnen. So sind es schliesslich nur Eigenthümlichkeiten der verschiedenen
Vegetationscentren , dass in den Tiefebenen der alten
Welt Holzgewächse dieses Baus von kurzer Entwickelungsperiode
nicht erzeugt wurden: denn nur diejenigen, welche einer langen
Zeit zu dem jährlichen Cyclus ihrer Bildungen bedürfen, sind an ein
südliches Klima gebunden, welches diese Bedingungen erfüllt. Und
weil endlich bei den Bäumen die alljährlich wiederkehrende Arbeit
grösser ist, als bei den Sträuchern, so sehen wir die Polargrenze der
Lorbeer- und Olivenform durch alle Meridiane schärfer ausgeprägt,
als die des Oleanders und der Myrte.
Die immergrünen Laubhölzer gehören, sofern sie zum Wuchs
von Bäumen sich erheben, eben zu der Lorbeer- und Olivenform,
von denen die erstere dem breiten Blatt der Buche, die letztere dem
schmaleren der Weide entspricht. Wie es an den Polargrenzen
einer Pflanzenform gewöhnlich ist, so giebt es auch im Mittelmeergebiet
nur einzelne Vertreter dieser Organisation, die aber doch, zu
Wäldern verbunden, auf die Physiognomie der Landschaft bedeutend
wirken können. Aber diese Wirkung wird nicht bloss durch
die Entwaldung vieler Gegenden, sondern auch dadurch vermindert,
dass die Bäume des Südens den nordeuropäischen gewöhnlich an
Höhe des Wuchses erheblich nachstehen und oft selbst zur Strauch-
Lorbeerform. 289
form herabsinken. Erhöht ist die Bedeutung dieser Pflanzenformen
durch die Kultur des Bodens, die, in den grösseren Ebenen oft eine
Baumkultur, sie, aus der Ferne betrachtet, bewaldet erscheinen
lässt. Gerade den reinsten Ausdruck der tropischen Lorbeerform
gewähren daher nicht einheimische Bäume, sondern die Agrumen,
die aus den indischen Halbinseln Asiens stammen. Bei mehreren
Pflanzenformen wird es sich wiederholen, dass sie erst in später Zeit
nach Südeuropa verpflanzt wurden, und dass daher die Physiognomie
der Natur sich seit dem Alterthum gerade in einigen Hauptzügen
verändert hat. Indessen ist Philippi doch zu weit gegangen, wenn
er meinte, dass der abweichende Vegetationscharakter des Mittelmeergebiets
fast nur auf den Kulturgewächsen beruhe : es bleibt noch
genug Eigenthümliches auch in den ursprünglichen Erzeugnissen
übrig. Die Agrumen sind zuerst von Indien nach Persien verpflanzt
worden, und daraus ist der systematische Name des Citronenbaums
[Citrus medica) entsprungen, aber schon in römischer Zeit blühte dieser
Kulturzweig in Syrien. Die zahlreichen Spielarten, welche aus
den beiden Citrus-Arten, die Linné unterschied, durch die Kultur
hervorgegangen sind, und die jetzt zu den wichtigsten Erzeugnissen
gewisser Gegenden gehören, sind hauptsächlich durch die Araber
nach Westen verbreitet worden und scheinen sogar erst seit den
Kreuzzügen und vielleicht in noch späterer Zeit ihr heutiges Kulturgebiet
eingenommen zu haben. Wenigstens von der süssen Orange
[Citrus Aurantium dulcis), die unter den Südfrüchten die erste Stelle
einnimmt, finden sich nach Gallesio's 52) Untersuchung erst aus dem
Anfange des sechszehnten Jahrhunderts sichere Nachrichten, dass
sie in Italien und Spanien gebaut ward. Die Agrumen entsprechen
den allgemeinen klimatischen Bedingungen der Mediterranflora nicht,
vom Nordosten ist ihre Kultur fast ganz ausgeschlossen, unstreitig,
weil sie daselbst die Winterkälte nicht ertragen. Am Garda-See
findet man hohe Bäume, aber durch gemauerte Wände eingehägt, und
auch in Mittelitalien, z. B. an der adriatischen Küste (43 zieht
man sie nur in Gärten. Völlig unbeschützt gedeihen sie nur in den
Küstenlandschaften Spaniens in Italien in der Südhälfte und im
Litoral von Ligurien, sodann durch ganz Nordafrika und Syrien bis
Morea und zu den wärmern Inseln des Archipels ; zuletzt kehren sie
noch einmal mit der Olive an der pontischen Bucht des schwarzen
G r i s e b a c Ii, Vegetation der Erde. I. 19