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242 III. Mittelmeergebiet. Südeiiropäische Jahreszeiten. 243
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des Jahrs in den immergrünen Gebüschen und selbst auf verödetem
Geröllboden eine Blüthenfülle, wie sie in solcher Mannigfaltigkeit der
Norden nirgends aufzuweisen hat. Und ist auch dieser Schmuck
dann bald wieder verschwunden und wird die Empfänglichkeit für
die Bilder der Natur durch die Gluth der heissen Tage erschlafft,
wechseln doch mit ihnen laue, andalusische Nächte, um im Anblick
der Gestirne, deren heller Glanz die Dunkelheit erleuchtet, in dem
Dämmerlicht, das über den i'ormen der Landschaft schwebt, diesen
Sinn immer wieder aufs Neue zu beleben.
Nicht die höhere Wärme ist es allein, sondern der vom Norden
Europas abweichende Gang der Jahreszeiten, wodurch die Ordnung
des Pflanzenlebens im Gebiete des Mittelmeers bestimmt wird. Hier
sind nicht wie dort die atmosphärischen Niederschläge über das
ganze Jahr vertheilt, sondern der heisse Sommer ist regenlos. Wenn
die Sonne sich dem nördlichen Wendekreise nähert und der iieisseste
Gürtel der Erde ihrer Bahn nachfolgt, rückt auch der Passatwind in
höhere Breiten, weil die Luft bis zu einem bestimmten Abstände von
dem wärmeren Räume aspirirt wird. Die afrikanische Wüste mit
ihrer nackten, im Sommer stark erhitzten Bodenfläche erhöht diese
Wirkungen, indem sie dem grössten Theile des Gebiets südwestlich
gegenüber liegt und daher Nordostwinde erzeugt, die, auf ihrer
Bahn sich erwärmend, die regenlose Jahreszeit hervorrufen. In
diesem Verhältnisse der entgegengesetzten Vertheilung von Festland
und Meer ist der wesentlichste klimatische Gegensatz zwischen Südeuropa
und den südöstlichen Staaten Nordamerikas begründet, die
in der Richtung des Passatwindes vom mexikanischen Golf bespült
werden, und denen die befeuchtenden Niederschläge auch im Sommer
nicht entzogen sind. Nur die spanische Halbinsel ist so gelegen,
dass die Aspiration in der warmen Jahreszeit grossentheils vom atlantischen
Meere aus erfolgt, aber gerade hier ist aus verschiedenen
zusammenwirkenden Ursachen die Regenlosigkeit des Sommers in
weitestem Umfange ausgeprägt. Hier wehen die nördlichen und
östlichen Winde über ein trockenes Hochland und über die Gebirgsketten,
welche es einschliessen und der Luft die Feuchtigkeit entziehen,
aber auch hier ist der Einfluss der Sahara in anderem Sinne
bemerklich, indem dieses Wärmecentrum zu Zeiten in entgegengesetzter
Richtung seinen heissen, Dürre verbreitenden Wüsten-
Sirocco entsendet. Allgemeiner aufgefasst ist es indessen nicht allein
die Nähe Afrikas, wodurch sich der eigenthümliche klimatische Charakter
des Mittelmeergebiets erklärt, sondern nicht minder wirkt
auch die durch die Alpen und andere Gebirge vom nördlichen Europa
abgesonderte Lage. Die Polarströmungen der Atmosphäre erwärmen
sich nicht bloss, indem sie nach Süden auf ihrer Bahn fortrücken,
sondern, wo dieselben in das Gebiet eintreten, haben sie überall von
den Pyrenäen bis zum Balkan und dann wiederum in Kleinasien und
am Kaukasus mächtige, westöstlich gerichtete Gebirgsketten zu
überschreiten, auf denen die Luft einen Verlust an Wasserdampf
erleidet. Im Sommer ist durch solche Höhenzüge die Linie bezeichnet,
bis zu welcher die Stetigkeit des südeuropäischen Passatwindes
reicht: bis zu diesen Grenzen bestimmt die Sahara den Entwickelungsgang
der Vegetation, da jenseits das ganze Jahr hindurch die
Polar Strömungen mit den aequatorialen abwechseln.
Die Einflüsse der höheren Wärme auf die Vegetation Südeuropas
äussern sich mehr in der verminderten Winterkälte, als in der gesteigerten
Temperatur des Sommers. Diese Werthe ändern sich
nicht gleichmässig, der Winter ist bei Weitem milder, der Sommer
nicht in gleichem Grade wärmer i). Steht die Sonne im Norden
minder hoch am Himmel, so wird dies im Sommer durch die längeren
Tage einigermassen ausgeglichen, während im Winter die längeren
Nächte in gleichem Sinne wie der tiefere Sonnenstand erkältend
wirken. Aber auch ohne dieses Verhältniss in Betracht zu ziehen,
ist es ganz unzulässig, einen vergleichenden Massstab für die Lebensbedingungen
nord- und südeuropäischer Pflanzen von der Höhe der
Sommerwärme abzuleiten. Denn während im Norden die Phasen
der Vegetation mit der wärmeren Periode des Jahrs zusammenfallen,
entwickeln sich im Süden die Pflanzen während des Frühlings, verharren
im Stillstande, so lange die Feuchtigkeit ihnen entzogen ist,
und beleben sich aufs Neue unter dem Einflüsse der Herbstregen.
Man müsste daher die Juliwärme des Nordens mit der Maiwärme des
Südens vergleichen, um die Frage zu beantworten, ob hier die Vegetation
einer höheren Temperatur bedarf als dort. In diesen Wertheu
aber zeigt sich diesseits und jenseits der Alpen keine Verschiedenheit:
die Mai-Isothermen 14^ bis Iß^ R. umfassen den grössten
Theil des Mittelmeergebiets, die Juli-Isothermen von entsprechender
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