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276 III. Mittelmeergebiet.
Winter so viel kälter ist und so viel länger dauert, ändert sich diese
Periode kaum oder nur unerheblich : hier belaubt sich nach Tchihatchefl*
der Feigenbaum ebenfalls im März und die Ulme zu Ende
April; im J. 1839 sah ich die Entwickelung beider Gewächse zu
dieser Zeit gleichzeitig vor sich gehen. Die Unterschiede, welche an
demselben Orte je nach den Individuen sich ergeben, scheinen ebenso
gross zu sein, als diejenigen, welche vom Klima abhängig sind.
Vaupeirs Beobachtungen in Nizza geben noch über andere Ver -
hältnisse Aufschluss, wiewohl man seinen Erklärungsversuchen nicht
überall beistimmen kann. Kein Baum belaubt sich vor dem Januar,
und doch ist die Wärme dieses Monats geringer als die des December
(6 ^ im Jan., 7 ^,2 R. im Dec.). Es scheint also, dass die sinkende
Temperatur die Energie des Lebens abstumpft, die steigende sie befördert.
Der kälteste Monat des Jahrs ist es, in welchem die Oelbäume,
die Orangen und die Karuben {Ceralo?iia) ihre Triebe mit
jungen Blättern ausstatten, und, wenn das Thermometer zu dieser
Zeit einmal unter den Gefrierpunkt fällt, sieht man das in der Bildung
begriifene Laub welk werden, und leicht geht es dann wieder
zu Grunde. Es ist also einer Gefahr ausgesetzt, die in keinem andern
Monat eintreten würde. Vaupell meint, man müsse gerade das
Gegentheil von dem erwarten, was die Reihenfolge der Belaubungszeiten
zeige, die nordischen Bäume, einem kälteren Klima angepasst,
müssten sich früher entwickeln als die südlichen, die mehr Wärme
bedürften. Allein hier ist er im Irrthum, weil er nur die Temperatur
und nicht die verschiedene Dauer der Vegetationsperiode berücksichtigt,
und weil, wie wir gesehen haben, die Wärme derselben
im Süden gar nicht erheblich höher ist, als im Norden. Damit der
Oelbaum im Mai blühen und im Herbst seine Früchte reifen oder
die Orange das ganze Jahr hindurch diese Bildungen wiederholen
könne, müssen die Organe, welche den Nahrungsstoff bereiten, so
früh als möglich vorhanden sein, so dass sie selbst in der ungünstigsten
Zeit sich erneuern. Die nordischen Bäume hingegen bedürfen
bei ihrer Belaubung einer höheren Wärme, als diese, da^ wenn die
Blätter früher entständen, sie in den grossen Temperaturschwankungen
des nordischen Frühjahrs zerstört werden würden. Daher
bestehen unter diesen grosse Verschiedenheiten je nach der Empfindlichkeit
der noch im Wachsthum begriffenen Blätter gegen den Frost.
Vegetationsperiode 277
In Nordeuropa belaubt sich zuerst der Fliederbaum [Samhicus nigra)
etwa bei 4 ^ R., dann die Buche bei 8 zuletzt die Eiche bei 10
So ist das Eichenlaub am meisten durch die Maifröste gefährdet, wie
das des Oelbaums durch die Januartemperatur des Südens, der Flieder
erträgt grosse Schwankungen ohne Beschädigung. Wie aber die
hiedurch gegebene Reihenfolge der Belaubung bei den verschiedenen
Bäumen in einem südlichen Klima geändert wird, zeigte sich schon
in der Beobachtung, dass in Madeira die Eiche beinahe zwei Monate
vor der Buche ausschlägt. Solche Verschiedenheiten wiederholen
sich vielfach, sowohl im westlichen, wie im südlichen Europa. So
ist nach Vaupell's Untersuchung, wobei natürlich die Unterschiede,
die in einzelnen Jahren nach dem Temperaturgange vorkommen
können, nicht berücksichtigt werden dürfen, die Reihenfolge der
Belaubung von Buchen, Eichen und Eschen an verschiedenen Orten
folgende:
Buche, Eiche, Esche von der Ostsee bis München;
Esche, Buche, Eiche in Belgien ;
Eiche, Esche, Buche in Dijon.
In Nizza belaubte sich der Flieder gleichzeitig mit dem Oelbaume im
Januar, die drei anderen Bäume gleichzeitig zu Anfang April. Die
Erklärung dieser Erscheinungen hat Vaupell durch eine sinnreiche
Hypothese zu geben versucht, sie ist nicht so einfach, da, wenn auch
die zur Belaubung jedes Baums erforderliche Wärme an verschiedenen
Orten zu ungleichen Zeiten eintritt, doch die Temperaturkurve
überall in gleichem Sinne" vom Anfang des Jahrs an aufsteigt.
Wenn man mit A. de Candolle und Quetelet die Summen der
Temperaturgrade (über einem Minimum zu Anfang der Entwickelun
speriode) oder deren Quadrate als Massstab der die Vegetationsphasen
bestimmenden Werthe ansieht, bleiben solche Erscheinungen
jeder mechanischen Erklärung unzugänglich. Vaupell, der diesen
Weg in einigen Fällen einzuschlagen versuchte, kommt zu demselben
Ergebniss. Die Fehler der Methode sind von Erman und Anderen
nachgewiesen. Sie ist schon deshalb den physiologischen Vorgängen
widersprechend, weil nach jeder Vegetationsphase ein Stillstand von
unbestimmter Dauer eintreten kann, bis die Temperatur die Höhe
erreicht welche von der neuen Phase gefordert wird. Bei jeder I.
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