
318 III. Mittelmeergebiet.
Symbol der Trauer, wozu die duukle Färbung ihres Grün sie zu
bestimmen scheiut, überall auf den Friedhöfen angepflanzt und auch
sonst als ein Lieblingsbaum durch die Kultur verbreitet, verknüpft
sich seine Ersclieinung mit jeder Erinnerung an die Pflanzenformeu
der südlichen Natur. Ist das Bild des Cypressenhains doch einer der
ersten Eindrücke, den der Nordländer dort empfängt, sobald er den
Gürtel des Kastanienwaldes durchschritten hat. Selbst noch ehe die
Alpen vollends überstiegen sind, wird ihm der Anblick der Cypresse
schon an den geschützten Ufern des Genfer Sees zu Theil^, und dieser
Baum begleitet ihn dann von Italien bis in den fernsten Orient. Den
Wuchs desselben mit der Form einer Pyramide zu vergleichen, finde
ich sehr ungeeignet. Die Cypresse entspricht vielmehr der Arcliitektur
des Obelisken oder gleicht einem schlanken Kegel, und gerade
diese eigene Gestalt, die vielleicht auf den Bau des orientalischen
Minarets von Einiiuss Avar, macht den Baum in der Fernsiclit anzieheiid,
wenn sein scliwärzliches Grün sich so lebhaft von der dunklen
Bläue des Himmels abhebt. Die unterdi'ückte Blattbildung ist
mit ungemein langsamem Wachsthume des Holzes verbunden, und
wiewohl man zuweilen Bäume von bedeutender Stärke antrifft, so
gehören diese doch zu den gTössten Seltenheiten und zeigen ein ungemein
hohes Alter an. Neben dem Kloster Lavra am Athos liabe
ich zwei Cypressenbäume gesehen"''^'), bei denen aus Inschriften
nachzuweisen war, dass sie ein mehr als tausendjähriges Alter erreicht
hatten, wobei ihr Stammdurchmesser durclisclinittlicli in einer
Vegetationsperiode nur um den zwanzigsten Theil eines Zolls angewachsen
war. Durch ein bläuliches Grün von matter, glanzloser
Färbung untersclieiden sich von der breitwüchsigen Cypresse die
Tamariskenbäume [TmnarixgalUca u. a.), die dem spanisclien Wachholder
noch ähnlicher sind, aber sich im Frühlinge mit unzäJiligen
fleischrothen Blnmenrispen beladen, und, wie die Stämme meist
niedriger sind, auch leicht in strauchfiirmige Gebüschformen übergehen.
Zwanzig Fuss hohe Stämme kommen nur vereinzelt am
Meeresufer vor, aber da die Pflanzengruppe, der sie angehören,
grösstentheils der Salzsteppe angehört, so wird diese Baumform auch
an den orientalisclien Küsten schon mannigfaltiger als im Westen,
Man kann bei den Holzgewächsen mit verkürzten Blattnadeln die
Unterscheidung von Bäumen und Sträuchern nicht füglicii festhalten
Palmen. — Zwergpalmen. 319
lind wird ihnen dalier auch einige niedrige Wachholderarten anschliessen
müssen, von denen die bekannteste [Juniperus phoenicea) in
den Maquis des ganzen Mittelmeergebiets häufig vorkommt iind zu
der Reilie von Pflanzenformen, die hier vereinigt ist, noch ein neues
Glied hinzufügt.
Von monokotyledonischen Bäumen ist allein die Dattelpalme
[Phoenix dactylifera) zu erwähnen, die aber nur durch die Kultur an
das Mittelmeer verpflanzt ward. Dass sie nicht einheimisch sei, geht
schon daraus liervor, dass sie selbst an den warmen Küsten von
Algerien und Sicilien ihre Früchte nicht zur völligen Reife entwickelt.
Auch ist ihre Kultur nur auf den Westen und Süden beschränkt.
Auf der spanischen Halbinsel gedeiht sie an allen Küsten, ausgenommen
in Portugal nordwärts vom Tajo, sie erreicht ihre Polargrenze
in Astnrien, in der Provence und der Riviera von Genua. Uebrigens
finden sich in Nord- und Mittel-Italien keine Palmen im Freien. Nur
in Gärten sieht man sie zuweilen einmal, wie auf den borromäischen
Inseln, oder als seltenes Erzeugniss sorgsamer Pflege in Florenz und
Rom. Erst von Terracina aus (41»), wo die nach Neapel reisenden
Fremden sie als eine neue Erscheinung zu begrüssen pflegen, wird
die Dattelpalme häufiger, an der Ostseite des Apennin findet sie
sich bis Foggia in der Capitanata und ist nun ein bedeutendes Element
in dem Landschaftsbilde der immergrünen Region Unteritaliens
und seiner Nachbarinseln. Am adriatischen Meere sah ich Palmen
an der Küste von Ragusa, und sie sollen in Dalmatien noch in der
Gegend von Spalatro (43V2'^) fortkommen, aber von dem Inneren
der griechischen Halbinsel sind sie fast ganz ausgeschlossen und
ertragen das kontinentalere Klima der macedonisch-thracischen
Küsten nicht. Auch in Anatolien werden sie von Tchihatcheft"
nirgends erwähnt, und ihre Kulturgrenze im Orient scheint nur die
südlichen Inseln des Archipels zu umfassen und von Nordafrika und
Syrien aus die Südküste Kleinasiens noch eben zu erreichen"].
Die Familie der Palmen ist der reinste Ausdruck tropischer
Klimate, aber in den wärmsten Gegenden der beiden gemässigten
Zonen verhält sich diese Organisation auf eine ähnliche Weise, wie
jenseits der Baumgrenze die Wälder durch Gesträuche ersetzt zu
werden pflegen. Dies ist die Bedeutung der Zwergpalme, die in
Südeuropa der einzige einheimische Vertreter jener tropischen Fa-
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