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442 IV. Steppengebiet.
enthaltenen Samen befördert und die Gewächse an"entfernten Standorten
wieder ansiedelt. Auch in den afrikanischen Wüsten werden
wir ähnliche Bewegungen zu betrachten haben, zu denen der Mannaregen
gehört, der schon im biblischen Alterthum als eine seltsame
und wohlthätige Naturerscheinung die Aufmerksamkeit auf
sich zog.
Yegetationsformen. Unter den Einrichtungen der Organisation,
wodurch die Pflanzenformen der Steppe den Bedingungen des
Klimas entsprechen, erkennt man theils solche, die den Umfang der
Leistungen vereinfachen, so dass diese einer kürzeren Zeit zu ihrem
jährlichen Kreislauf bedürfen, theils Hülfsmittel, dem Nachtheil der
Sommerdürre zu begegnen und dadurch die Entwickelungsperiode zu
verlängern. Von den ersteren wird namentlich bei den Zwiebelgewächsen
die Rede sein, zu den letzteren, die weit mannigfaltiger sind und
zunächst zu einigen einleitenden Bemerkungen auffordern, gehören
die saftreichen Organe der Halophyten, die Bildungen von Haaren
und Dornen, sowie die Absonderungen des ätherischen Oels.
Succulente Gewächse, in deren Gewebe der Saft sich anhäuft,
so dass der Zufluss durch die Wurzeln längere Zeit hindurch entbehrt
werden kann, bekleiden den salzhaltigen Boden des Steppengebiets
und gehören zur Chenopodeenform. Ueber die Succulenten
soll hier nur im Allgemeinen vorläufig angeführt werden, dass ihre
Verdunstung bald durch einen Epidermispanzer beschränkt ist, durch
eine verstärkte Ablagerung fester Substanz an der Aussenfläche der
Oberhaut, bald durch die Natriumsalze ihres Safts, die sie wegen
ihrer Löslichkeit leicht aus dem Boden aufnehmen. Die letztere Erscheinung
hat darin ihren Grund, dass eine Salzlösung langsamer
verdunstet, als reines Wasser, weil das Salz eine zurückhaltende
Anziehung auf das Lösungsmittel ausübt. Willkomm der zuerst
die Anwendbarkeit dieses physikalischen Salzes auf das saftreiche
Gewebe der Halophyten aussprach, wies den Zusammenhang beider
Verhältnisse besonders dadurch nach, dass am Meeresufer nicht selten
eigenthümliche Spielarten auftreten, die sich von der gewöhnlichen
Organisation ihres Gewebes im Binnenlande durch fleischige
Blätter unterscheiden, worunter man eben eine Vermehrung des Saftgehalts
versteht, die keineswegs immer von einer verdickten Oberhaut
begleitet wird.
Organisation der Steppenpflanzen. 443
Die Haarbekleiduiig an den ausgewachsenen, der Luft ausgesetzten
Organen dient, die Einwirkung der Sonnenstrahlen auf
dieselben zu massigen und dadurch die Verdunstung zu verlangsamen.
Das zusammenhängende Gewebe der Blätter wird durch den Verlust
des Wassers, welches sie an die Atmosphäre abgeben, bei mangeln-,
dem Ersatz in weit höherem Grade gefährdet, als die nur mit einer
schmalen Grundfläche befestigten und daher in ihrer von der Saftfülle
bedingten Schwellung und Zusammenziehung unbehinderten
Haarzellen. Diese letzteren, zunächst von der Sonne getroffen, verdunsten
stärker und auf erweiterter Oberfläche : auch dadurch mindern
sie die Wärme und Trockenheit in ihrer nächsten Umgebung.
Sind sie weich, so können sie sich leichter verkürzen, wenn die
Sonne ihnen den flüssigen Inhalt entzieht, wogegen die Zellmembran,
wenn sie starrer ist, den Saftverlust durch Verdunstung erträgt und,
indem sie sich mit Luft füllt, ihre Gestalt weniger ändert. Unter
den Steppenpflanzen ist die Behaarung der Artemisien, deren Oberhaut
oft mit einem feinen, seidenartig glänzenden Ueberzuge bekleidet
ist, eben dadurch charakteristisch, dass diese Stauden auf dem
Salzboden ebenso spät zur Blüthe gelangen, wie „die Chenopodeen,
in deren Gesellschaft sie auftreten.
Auch die Bildung der Dornen beruht auf einer Organisation,
die der Verdunstung Widerstand zu leisten strebt, indem sie die Zahl
und Grösse der flachen Organe und durch gehemmte Entwickelung
den Wasserverbrauch des Gewächses vermindert. Die Dornen sind
eben weiter nichts, als die auf Kosten des verdunstenden Blattparenchyms
abgesonderten, steiferen Gewebe der Gefässbündel; sie
beschränken die Grösse der Oberfläche, wenn sie am Laube selbst
entstehen, oder die Anzahl der Blätter, wenn sie aus Theilen der
Axe hervorgehen. Ein dorniges Gewächs würde demnach bei einer
gegebenen Anlage der Organisation eine weit grössere, verdunstende
Fläche besitzen, wenn diese Umbildung der Organe nicht stattfände.
Je langsamer es aber verdunstet, desto länger kann es sich im Saftumtrieb
erhalten, wenn der Boden dürr zu werden beginnt und der
Zufluss aus den Wurzeln nachlässt.
Die ätherischen Oele scheinen ebenfalls beschränkend auf die
Abgabe des Wasserdampfs zu wirken, wenn die Vegetationsorgane
an diesen aromatischen Bestandtheilen reich sind. Das Oel verri
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