
18 I. Arktische Flora. Erwärmung des ebenen nnd geneigten Bodens. 19
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denen Gegenden des arktischen Gebiets so bedeutend, dass Zweifel
entstehen möchten, ob nicht jenseits der erforschten Polarländer
der Schnee doch endlich auch am Ufer des Meers sich erhalten
miisste. Auf der Melville-Insel (75 o N. B.) hielt sich das Thermometer
während Parry's Reise vom Juni bis zum August über dem
Gefrierpunkte, ebenso wie es in Spitzbergen der Fall ist, aber im
Nordwesten Grönlands, an der Küste von Smith's Sund (TS '/a^'N. B.)
erlebte es Kane, dass nur der einzige Monat Juli zu einer Mittelwärme
über 0" sich hob und also allein das Schmelzen des Schnees
befördern konnte. Es ist jedoch noch ein anderes Verhältniss in
Betracht zu ziehen, welches auch unter so nachtheiligen Bedingungen
die Ebenen vor dem Gebirge bevorzugt und dazu beiträgt, die Wirkungen
des Schmelzungsprocesses zu Gunsten des an die Oberfläche
des Erdbodens gebundenen organischen Lebens zu erhöhen. Das
durch die Sommerwärme erzeugte Wasser fliesst auf der geneigten
Fläche der Gebirge nach abwärts und ertheilt bald wieder erstarrend
den Schneekrystallen das körnige Gefüge des Firns, bis sich dieser,
in die Thäler hinabgesenkt, zu der Bildung der Gletscher verdichtet.
Ein grosser Theil des gebildeten Schneewassers bleibt somit an der
Oberfläche und verwandelt sich durch die unaufhörliche Berührung
mit demjenigen Schnee, der noch nicht geschmolzen, in Eis, welches ^
ebenfalls dem Pflanzenleben keinen Raum lässt. In der Ebene hingegen
kann das Wasser durch die Schwerkraft nur in senkrechter
Richtung in die Tiefe gelangen, es durchdringt rasch die tieferen
Schneelagen und verschwindet im Untergrunde, wo es der Mitteiwärme
des Klimas entsprechend zwar ebenfalls zu Eis wieder erstarren
kann, aber in Eis, welches, mit den unterirdischen Gesteinen
und Erdkrumen gemischt, auf die von der Sonne bestrahlte Oberfläche
keinen erkältenden Einfluss übt, wie der Firn und das Gletschereis.
Hier wird also das Wasser, welches die Temperatur des
Gefrierpunktes besitzt, denjenigen Räiunen, die unter dem erwärmenden
Einflüsse der Sonne stehen, auf dem kürzesten Wege und
vollständig entzogen, und da diese Vorgänge unaufhörlich fortschreiten,
so lange das Schmelzen des Schnees anhält, so wird die Zeit
gewonnen, welche zur Entblössung der Oberfläche erforderlich ist.
In dem einen Falle theilt sich die Kraft der Sonne, ausser dem
Schnee auch den Firn nnd den Gletscher zu sclimelzen, in dem
anderen bildet sie Wasser, das wieder verschwindet, und das, wenn
es auf's Neue gefriert, ihren Strahlen entzogen ist, die in die Tiefe
des Erdbodens nicht eindringen. Der Zeitraum, bis der gefallene
Schnee vollständig entfernt ist, verkürzt sich hinlänglich, um den
Organen der Vegetation, die der Befreiung harren, wenigstens noch
einige Wochen zu ihrer Entwicklung übrig zu lassen. Bei gleich
niedrigen Sommertemperaturen wird demnach der ewige Schnee der
Gebirge in den arktischen Ebenen durch unterirdisches Eis ersetzt,
und es wird eine oberflächliche Bodenschicht frei gegeben, deren
Temperatur den Ansprüchen des vegetativen Lebens genügen kann.
Unter allen Breiten ist es nur der geneigte Boden, der Schnee
und Eis an der Oberfläche dauernd anhäuft, aber in den arktischen
Gegenden ist die Lage der Schneelinie grösseren Schwankungen
unterworfen, weil ihre Bedüigungen so verwickelter Natur sind. Zu
den Einflüssen der Feuchtigkeit der Atmosphäre, der Gestaltung des
Gebirgs, der Lage des unterirdischen Eises, die sämmtlich auf die
Zeit einwirken, innerhalb deren die Sommerwärme zur Beseitigung
des Schnees hinreichen kann, gesellen sich noch die Nachtheile,
welche aus der schiefen Richtung der Sonnenstrahlen entspringen.
Hiedurch wird nicht bloss die Wärme vermindert und in verschiedenen
Höhen gleichmässiger, sondern auch der beschattete Raum,
den die Bergkuppen verdecken, ungemein vergrössert. In dieser
Hinsicht hat die wagerechte Ebene den grossen Vorzug, dass sie,
abgesehen von den Wolken, völlig schattenlos ist, und daher das
Mass der Wärme, welches der tiefe Sonnenstand ihr zu bieten vermag,
gleichmässig und vollständig zu ihrer Befreiung verwendet.
Das unterirdische Eis, welches einen so hervorstechenden Zug
der nordischen Natur bildet, ist seiner Lage nach nicht, wie der
ewige Schnee, von den Jahreszeiten, sondern von der mittleren Temperatur
des Erdbodens abhängig und reicht daher in Sibirien und
Nordamerika weit über die Grenzen der arktischen Flora in das Innere
des Waldgebiets. Seine untere oder Tiefen-Grenze entspricht,
wenn es sich frei entwickeln kann, derjenigen Bodenschicht, wo das
Thermometer dauernd auf dem Gefrierpunkte steht. Aber diese
Tiefe, bis zu welcher das Eis in die Erde eindringt, richtet sich nicht
nacli der Temperatur allein, sondern zugleich auch nach der Beschaffenheit
des Bodens, je nachdem derselbe das Wasser durchlässt
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