
m I ,
278 III. Mittelmeergebiet.
Suramirimg der Temperaturgrade kommt daher der veränderliche
Wärmewerth in Rechnung, der zwischen beiden Phasen vorhanden
war, während doch das Wachsthum stillstand. Mmmt man hingegen
an, dass jede Phase an ein bestimmtes Wärmeminimum gebunden
und zugleich von der Dauer der einzelnen Bildungsprocesse abhängig
ist'i^), so kann die veränderte Ordnung in der Belaubung derselben
Bäume als eine Folge der nach den Klimaten verschieden gestalteten
Jahreskurve aufgefasst werden, und auf diesem Gesichtspunkte beruht
VaupelFs Erklärungsversuch. Wenn ich ihn nämlich richtig
verstehe, betrachtet er das Eintreten des Frühlingssafts in den Baum
und die Entfaltung der Blattknospen als zwei auf einander folgende
Vegetationsphasen, von denen die letztere einer höheren Wärme bedarf,
als die erstere, so dass, je nachdem dieser höhere Temperaturgrad
früher oder später eintritt, auch eine ungleiche Zeit zwischen
beiden Phasen verfliessen kann. Nehmen wir nun an, dass z. B. bei
der Eiche und Buche die Temperatur, bei welcher der Frühlingssaft
zu steigen anfängt, dieselbe sei (z.B. 6^), die Entfaltung der Blätter
aber bei der Buche bei der Eiche 10^ fordere, und setzen wir
ferner voraus, dass die Buche einer längeren Zeit bedarf, als die
Eiche, den Stamm und die Zweige in Safttrieb zu versetzen, so wird
die Eiche sich in einem Klima, wo die Temperatur rasch von 6 ^ bis
10 steigt, vor der Buche belauben können, weil die Blattknospen des
letzteren Baums noch nicht Saftzufluss genug empfangen haben.
Umgekehrt müsste sich die Belaubung der Eiche in einem Klima verzögern
und erst nach der Buche eintreten, wenn, nachdem der Saft
sich durch das ganze Gewächs verbreitet hat, die Temperatur von
10^ noch längere Zeit hindurch nicht erreicht wird, so dass die
Wärme zwar dem Blatttriebe der Buche, aber nicht dem der Eiche
entspräche: denn dann würde bei diesem Baum ein Stillstand
die Entwickelung unterbrechen müssen. So fasse ich Vaupell's
Hypothese auf, eine Erscheinung zu erklären, die auch deshalb auf
solchen mechanischen Ursachen zu beruhen schien, weil Zweige dieser
Bäume, als sie im Winter in Treibhäuser gebracht wurden, sich
ebenso verhielten, wie in wärmeren Klimaten, so dass in der höheren
Temperatur die Eiche ebenfalls früher ausschlug, als die Buche. In
Nizza, wo die Wärme zu Anfang April rasch zunimmt, könnten sie
sich hiernach gleichzeitig entwickeln. Allein mit dem Vaupell'schen
Vegetationsperiode. 279
Erklärnngsversuch lässt es sich doch nicht vereinigen, dass im Seeklima
Frankreichs die Wärme des Frühhngs ja nicht rascher, sondern
vielmehr langsamer steigt, als im kontinentaleren Deutschlands:
in Dijon wo die Buche später als die Eiche und Esche sich belaubt,
ist die Mittelwärme des April 8 o,5 R., des Mai 12 0,7 ; in Göttingen,
wo die Eichen stets später grün werden, als die Buchen, hat der
April ebenfalls 8 0,4, der Mai schon 14 o, 3. Es wird daher der die
Belaubung der Eiche begleitende Temperaturgrad von 10 o in Deutschland
früher eintreten , als in Frankreich , und doch entwickelt sich
dort der Baum später, als hier. Wir sehen uns daher durch Vaupell's
Bemühungen, das Räthsel der Erscheinung zu lösen, doch zu keiner
sicheren Ansicht geführt und müssen vielmehr auch in diesem Falle
den Mechanismus uns entschlüpfen sehen, indem wir wieder auf den
Ausgangspunkt unserer Betrachtung zurückgeführt werden, den rem
geographischen, der darin besteht, dass das Klima des Vegetationscentrums,
wo eine Art entstanden ist, ihrer Entwickelung am meisten
gemäss ist. In andere Länder, vielleicht durch ihre eigenen Kräfte,
verpflanzt, sucht sie ihre Entwickelungsperiode festzuhalten, oder
ändert sie, um ihr Fortbestehen zu sichern bis zu einem gewissen
Grade ab, bis sie endlich in noch weiteren Fernen der Ungunst des
Klimas erliegt. Nur so können wir bis jetzt verstehen, dass die
nordischen Bäume sich im Süden so spät entwickeln, und dass nach
dem Mass der Wärme die Entwickelungszeiten sich ändern, die Vegetation
sich verkürzen oder verlängern kann.
Aus diesem Ergebniss, dass die Entwickelungsperioden der
Gewächse dem Klima ihrer ursprünglichen Heimath am meisten entsprechen,
lässt sich eine neue Methode ableiten, die Vegetationscentren
gewisser Arten innerhalb ihres heutigen Wohngebiets zu bestimmen.
Diesen Weg werde ich bei mehreren südlichen Kulturbäumen
einschlagen, wobei nur vorläufig zu erinnern ist, dass, wenn
sie aus dem Orient stammen, sie sowohl früh als spät im Jahre sich
belauben können, je nachdem ihre Heimath dem Klima der Steppen
oder dem der syrischen Wüste mehr genähert ist, also z. B. am Bosporus
oder in Palästina gelegen wäre.
Wenn auch die Mittel unbekannt sind, deren die Organisation
einer in ein fremdes Klima übergegangenen Art sich bedient, der zu
unpassender Zeit eintretenden Erwärmung Widerstand zu leisten, so
I'