
16 1. Arktische Flora. Erwärmiing des ebenen und geneigten Bodens. 17
« i
S :
linie eingeschlossen, und da die Kuppe des ewigen Schnees auf den
Gebirgen von der tropischen bis zur arktischen Zone allmälig in ein
tieferes Niveau herabsinkt, so war die Meinung allgemein verbreitet,
dass in einem gewissen Abstände vom Pol dieselbe den Spiegel des
Meeres selbst erreiche, und dass von diesem Punkte aus alles organische
Leben aufliöre. So weit man aber in der Folge zu den höchsten
Breiten, über den 80. Grad hinaus, vorgedrungen ist, nirgends
hat man den Sommer überdauernde Schneemassen, bis zur Küste
herabreichend angetroffen, sondern das Tiefland ist überall den
Keimen der Vegetation während einer gewissen Zeit frei gegeben.
In Spitzbergen berühren nur die Gletscher die Meeresfläche, die Linie
des ewigen Schnees fanden die schwedischen Naturforscher i) erst
in einer Höhe von wenigstens 1000 Fuss, es bleibt also daselbst noch
Raum genug übrig, dem weidenden Eennthier 2) seine vegetabilische
Nahrung zu erzeugen. Auch in dem noch viel kälteren Klima der
Pany-Inseln, nach dem'Durchschnittsmass der Temperatur (—130,7
R.) einem der kältesten 3) der bekannten Erde, finden im Sommer grosse
Säugethiere2), der Bisamstier neben den Rennthierheerden, hinlänglichen
Pflanzenwuchs, um diese unbewohnten Weidegründe aufzusuchen.
Ueber der Schneegrenze der Alpen hingegen, in Höhen,
wo die mittlere Wärme des Jahr s nicht entfernt so niedrig; sein kann,
ist der Gemse kaum die spärlichste Nahrung und nur da geboten,
wo an steilen Felsen der Firn nicht haften kann.
Eine Frage von höchster Bedeutung ist es daher, weshalb das
arktische Flachland vom Schnee, der in den Gebirgen dem organischen
Leben eine Schranke setzt, im Sommer sich befreit und dadurch
der Vegetation einen unbegrenzten Schauplatz eröflnet. Diese
Fr age ist nicht einfach zu beantworten, es wirkt eine Reihe physischer
Bedingungen zusammen, um der arktischen Flora diesen Vorzug
vor der des Gebirgs zu verschaffen. Da die Ansammlung
dauernden Schnees nicht von der Mittelwärme, sondern davon abhängig
ist, wie viel der Sommer aufzuthauen vermag, so scheint die
Masse desselben zuerst in Betracht zu kommen, insofern bei gleicher
Temperatur innerhalb einer gegebenen Zeit nur eine bestimmte
Menge sich in abfliessendes Wasser verwandeln kann. Nun werden
die Gebirge, die als kältere Körper den Wasserdampf verdichten,
durchschnittlich stärker von Niederschlägen befeuchtet, als die
Ebenen, und die grössere Menge des gefallenen Schnees muss daher
das Aufthauen desselben im Sommer erschweren. Wäre aber die
geringere Feuchtigkeit allein die Ursache, dass der arktische Sommer
eine vollständige Beseitigung des in den übrigen Jahreszeiten
angesammelten Schnees herbeiführt, so würde doch zuletzt ein
Grenzwerth erreicht werden, wo auch bei geringerer Feuchtigkeit
die verminderte Wärme nicht mehr genügte, denselben zu schmelzen,
und wo daher die Schneelinie bis zum Meere herabsänke. Es muss
daher ein Unterschied in der Erwärmung des Bodens liegen, der
diese Wirkungen auch in den kältesten Klimaten der Erde verhindert.
Die Wärme nun, welche der Erdboden von der Sonne empfängt,
liängt theils von der Richtung ihrer Strahlen, theils aber auch davon
ab, in welchem Verhältniss sich dieselben über eine gegebene Grundfläche
vertheilen. J e ebener die Oberfläche sich gestaltet, desto mehr
Wärme wird jedem einzelnen Punkte zu Theil, j e mehr sie gewölbt
oder unregelmässig zu schiefen Ebenen zerrissen ist, desto mehr vertheilt
sich dasselbe Mass von Sonnenstrahlen über einen grösseren
Raum, und desto geringer wird also die Gesammtwirkung. Dies
ist das Verhältniss der Gebirgsketten zu den Ebenen. Was die der
Sonne zugewendeten Abhänge gewinnen, verlieren die beschatteten,
und im Ganzen ist auf einer gegebenen Grundfläche die Erwärmung
des Schnees im' Gebirge geringer, als in einer Ebene. Dieselbe
Sommerwärme kann nicht dieselbe Menge in Wasser verwandeln.
Dazu kommen die langen Tage der arktischen Zone, die den Nachtheil
aufwiegen, der aus der schieferen Richtung der Sonnenstrahlen
entspringt. Da die Tageslänge im Sommer mit wachsender Breite
um so grösser wird, bis am Pole selbst zuletzt die Nächte ein halbes
Jahr hindurch ganz verschwinden, so werden auch hiedurch die
Unterschiede der geographischen Lage in der arktischen Zone vermindert.
Und da die Abplattung der Erde bewirkt, dass in den
hohen Breiten jenseits des Polarkreises die schiefe Richtung der
Sonnenstrahlen sich wenig mehr ändert, so treffen alle diese Momente
in demselben Ziele zusammen, ein so gleichartiges Klima zu schaffen,
wie es in der Schneelosigkeit des Erdbodens während des Sommers
und in der übereinstimmenden Vegetation des Tieflandes uns entgegentritt.
Indessen sind die Unterschiede der Sommerw^ärme in verschie-
G r i s e b a c l i , Vegetation der Erde. I. 2