
34 I. Arktische Flora.
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nach ist es notliweudig, die grösste Sparsamkeit im Waclisthum eintreten
zu lassen, weil die Scliiclit unorganischen Bodens, welche auch
im Sommer allein die angemessene Wärme darbietet, von so geringer
Dicke ist, nach oben begrenzt durch eine Atmosphäre, die zu kalt
bleibt, nach unten durch das schmelzende Eis. Wenn der Schnee
entfernt ist und das linterirdische Eis aufzuthauen anfängt, so wird
die Vegetation um so früher beginnen können, je weniger tief ein
Gewächs seine Wurzeln in den Boden senkt. Man hat beobachtet,
dass, sobald dieselben bei ihrem Wachsthum nach abwärts auf da^
Eis treffen, sie anfangen sich wagerecht zu biegen. Baer20) beschreibt
die arktische Varietät von einer Valeriana {V. capitata),
welche durch im Boden kriechende Stammorgane sich von dem Typus
unterscheidet, der in solchen Gegenden Russlands wächst, wo kein
unterirdisches Eis vorhanden ist. Allgemein, bemerkt er, komme
der arktischen Vegetation die Tendenz zu, die unterirdischen Organe
in horizontaler Richtung zu entwickeln. An Masse übertreffen diese
die Luftorgane ausserordentlich. Den im Erdboden verborgenen
Stamm einer Weide (Salix lanata) sah er in Nowaja Semlja 10 bis
12 Fuss weit hinkriechen, ohne das Ende zu erreichen, wogegen kein
einziges der auf dieser Insel einheimischen Gewächse, selbst Gräser
und Sträucher nicht, über eine Spanne hoch sich in die Luft erheben,
viele nur 2 bis 3 Zoll gross werden und eine Grösse von 6 Zoll schon
sehr selten ist. Solche Organe nehmen daher um so leichter die
Temperatur der obersten Bodenschicht an und bleiben vor der kalten
Luft, in der sie doch leben solleii, bewahrt. Denn fast alle arktischen
Pflanzen perenniren durch unterirdische Stämme; einjährige
Gewächse, die im Winter nur den Samen übrig lassen, fehlen fast
ganz. Von allen Körpern, die mit dem Organismus in Berührung
kommen und ihm ihre Temperatur mittheilen, wird eben die Bodenschicht,
in welcher er wurzelt, von den Sonnenstrahlen am stärksten
erwärmt.
Die auf das Aeusserste getriebene Benutzung der gespendeten
Sommerwärme und der Schutz gegen die Kälte sind so sehr die überwiegenden
Momente unter den Lebensbedingungen der arktischen
Flora, dass alle übrigen, Feuchtigkeit, bereite Nahrungsstoffe, angemessene
physische Beschaffenheit des Erdreichs dagegen kaum in
Betracht kommen. Nirgends fehlt es an Wasser, wo die Sonne
Tageslänge. — Klimatische Gliederung der arktischen Flora. 35
beständig die Vorräthe des Winters zu schmelzen hat und die raschen
Sprünge der Luftwärme den Niederschlag befördern. Durch die
übermässige Ansammlung der Feuchtigkeit wird ihr Gefälle behindert,
so dass die höhere Erwärmung des geneigten Bodens mit dessen
angemessener Bewässerung zusammenfällt. Wie in dem Waldgebiet,
sind übrigens auch in der arktischen Zone die atmosphärischen Niederschläge,
Schnee oder Regen, über das ganze Jahr vertheilt.
Wie die Tageslänge auf die arktische Vegetation wirke, ist
physiologisch nocli wenig aufgeklärt. Beschleunigen kann sie das
Wachsthum nicht, da der Eintritt der Entwickelungsphasen von der
Steigerung der Temperatur abhängt und die geringe Wärme dieselben
südlicheren Gegenden gegenüber verzögern muss. Baer säete
Kressesamen auf Nowaja Semlja aus und sah die Pflanzen sich dreimal
so langsam, wie in Petersburg, entwickeln 2o). Allein da das
vegetative Leben auf dem steten Wechsel zwischen der beleuchteten,
die Aufnahme von Nahrungsstoffen aus der Luft bewirkenden Tagesarbeit
und den nächtlichen Ausscheidungen von Gasen beruht, so
bleibt es unaufgeklärt, wie das veränderte Mass dieser Zeiträume auf
die Organisation einwirke. Es dürfen besondere Einrichtungen vorausgesetztwerden,
wodurch die arktischen Pflanzen von der veränderlichen
Tageslänge unabhängiger sind, als die Vegetation in anderen
Klimaten.
Wollte man versuchen, das Gebiet der arktischen Flora nach
den entscheidenden klimatischen Momenten geographisch einzutheilen,
also nach der Dauer der Vegetationszeit und nach der Lage von
Schnee und Eis im Sommer, wodurch die Wärme der Pflanzen während
dieser Periode bestimmt wird, so würde man wegen des lokalen
Charakters solcher Einwirkungen nicht sowohl grössere Räume, als
die einzelnen Vegetationsformationen zu unterscheiden haben. Hier
sind die topographischen Gegensätze das Massgebende, nicht die
klimatischen. Auch die Exposition und die ungleiche Erwärmungsfähigkeit
der Bodenbestandtheile, Bedingungen, welche die Temperatur,
die den Pflanzen zu Gebote steht, und dadurch zugleich die Dauer
der Vegetationszeit mächtig beeinflussen, sind örtliche Erscheinungen,
durch welche die Formationen sich von einander absondern. Indessen
ist der physische Charakter des unorganischen Substrats, worin die Vegetation
wurzelt, doch auf grossen, geographischen Räumen so überein-
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