
22 I. Arktische Flora. EhiHuss des Meers auf das Festland. 23
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Die gTössteii Gegensätze der arktischen Natur berulieii demriaeh
auf der plastischeji Bildung des Bodens. Das Meer, welches weiter
südwärts die Klimate sondert, hat innej-halb des Gebiets einen vevhältnissmässig
geringen Einflnss auf die Vegetation, obgleicli es, in
der mannigfaltigsten Weise die I\)larländer beriiltrend und scheidend,
durch seine Eisiu;issen und durch die Strömungen, die sie bewegen,
mittelbai- liir den Ilaiislialt der arktischen Zone und für das Gleichgewicht
der Lebensbedingungon von der entscheidendsten Bedeutung
ist. Das Treibeis, welches es herbeifülirt, übt auch einen unmittelbar
erkältenden liinHuss auf die Küsten, au denen es sicli anliäuft, aber
d(M- Oharakter der Vegetation ist da, wo es fast niemals verschwindet,
von den dem offem^n Polarmeere gegenüberliegenden l.andschaften
nic.ht wesentlich verschieden. Die Nordküste Islands erleidet freilich
in gewissen Sonnuern, in denen das Treibeis sie belagert, den
Verlust aller llülfsquellen der Bewohner, aber dies sind nur periodische
lirscheinungen. Die Flora der oiTenen West- und der eisnmgürteteu
Ostküste Grönlands ist übcreinstiumiend 7). Vielleicht
beruht die xVusgleichung der Vegetation jiulessen nur darauf, dass
die Höhen an der Ostküste weniger Schnee tragen^) und die Gletscher
das Meer selten erreichen, welches dalier liier von den grosse.n
Eisbergen der Baflinsbai fast ganz frei bleibt.
Wäre das Meer indessen nicht geeignet, durch seine Strömungen
das Folareis zu entfernen und das IClima der arktischen Küsten durch
den Austausch mit dem Wasser niederer Breiten zu mä^ssigen. Ja bis
zu einem gewissen Grade auszugleichen, so würde die Sommerwärme
nicht genügen, die Bedingungen des Pflanzenlebens herzustellen.
Die wachsende Anhäufung der Eismassen hätte 'die Polarzone längst
vollständig, wie das Innere Grönlands, überdecken müssen. Imlem
aber das JVleer dieselben beständig fortschaift und in diesem Sinne
die Nachwirkungen der Winterkälte aufhebt, kommt die Sommerwärme
dem Festlande reichlicher zu Statten und wird nicht im
Schmelzen dos Kises vergeudet. Der gleichartige Vegetationscharakter
der arktischen Flora beweist, dass diese mittelbaren Wirkungen
der Strömungen, wiewohl sie zunächst nur im atlantischen
Meere in die Erscheinung treten, über das ganze Polarbecken sich
ausdehnen, und, um dies zu begreifen, ist es ei-foi-derlich, den Bahnen
des Treibeises und der Eisberge einen kurzen Ueberblick zu widmen.
Auf oflenem Meere bildet sich wenig Eis und auch dies nur von
geringer Stfirke, weil Wind und Wetter es immer wieder zerstören
und wärmeres Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche treten kann.
Auch ist nach der verschiedenen Ausstrahhmgsfähigkeit der festen
und der flüssigen Körper, dui-ch welche auf dem Festlande in der
langen Polarnacht die Temperatur zu den tiefsten Werthen herabsinkt,
die Winterkälte auf dem Meere weit gtiringcr und das organische
Leben hoher Breiten daher in seinen Finthen viel reicher und
mannigfaltiger entwickelt. Die arktischen Küsten sind es, an denen
die grossartige Eisbildung des Meerwassers stattfindet, aber auch
hier nur da, wo die aus dem Süden kommenden Strömungen sie nicht
verllindern. Das von den Kontinenten umschlossene Polarbecken
hat eine kreisähnliche Gestalt und bietet dem Austausch der Meeresströmungen,
die das Wasser von ungleicher Temperatur und Dichtigkeit
in's Gleichgewicht zu setzen streben, nur zwei Oeflnungen dar,
beide im atlantischen Meer, im Osten und Westen von Grönland.
Denn die Behringstrasse ist zu seicht, um das Eis nach der Südsee
fortzuschaifen, das gerade in dem hier geöffneten Theile des Polarmeers
eine solche Stärke erreicht, dass es zuweilen üü—80 Fuss tief
in das Wasser eintaucht '•'). Jenen beiden Oeffnungen nun entsprechen
zwei warme und zwei kalte Strömungen, die das Klima der hohen
Breiten mit dem der gemässigten Zone vermitteln. Durch die Rotation
der Erde werden die beiden ersteren an die westliclien, die beiden
letzteren an die östlichen Küsten des Festlands gedrängt, weil
jene nach Norden, diese nach Siulen streben, und dies ist die Ursache
der Zugänglichkeit der Westküsten für die Schiiifahrt im Norden
des atlantischen Moers. Eine weite Strecke hin nach Norden
bleibt dieses eisfrei, im Bereiche des Golfstroms, der zwischen Nowaja
Semlja und Spitzbergen dem arktischen Strome mit seinen Eisfeldern
begegnet und im Westen der letzteren Insel den Walliisch- und
Robbenfang bis zum 81. Breitengrade möglich macht. Ebenso ist es
in der Baflinsbai eine nach Norden gerichtete Strömung i"), welche
die Kolonieen der grönländischen Westküste in leichte Verbindung
setzt, während der östliche Abschnitt dieses grossen Meerbusens
durch den vom Lancaster Sund kommenden und nach Labrador abfliessenden
arktischen Strom beherrscht wird. In die unerforschten
Umgebungen des Pols endlich muss man die den Austausch mit dem
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