
218 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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gelegenen Gruppen der Schweiz und Tirols im Vergleich zum Danphine
lind Steiermark wenig Eigenthümliches. Der für die südlichen Alpen
so bezeichnende Endemismus ist namentlich darin ausgesprochen,
dass der Gardasee und das Etschthal vielen Arten eine Grenzlinie
setzen, die von Westen oder Osten bis hieher verbreitet sind, und
dass die Vegetation der Endglieder, auf der einen Seite des Danphine
und Piemonts, auf der anderen von Krain und Illyrien am weitesten
von einander abweicht. In der centralen Alpenkette richtet sich
dagegen die Anordnung der Pflanzen bei Weitem mehr, als in der
südlichen, nach den Bodeneinflüssen, nicht aber in gleichem Grade
nach der geographischen Lage. Hier ist der Reichthum einer Alpe
an verschiedenen Pflanzen vom Bau der Thäler, von der Bewässerung
und ähnlichen Bedingungen abhängig, die ergiebigsten Fundorte
sind regellos vertheilt. So werden die Oezthaler Ferner von
den Tauern Kärnthens und ebenso sehr von gewissen Alpen des
Engadin, das Berner Oberland und der Montblanc von der Gruppe
des Monterosa an Mannigfaltigkeit der alpinen Pflanzen weit übertroffen.
Allein auch die reichsten dieser Standorte sind nicht durch
endemische Erzeugnisse bezeichnet; sondern nur durch die grössere
Anzahl der daselbst angehäuften Arten, die auch an anderen Orten
wiederkehren. Das Nicolaithal am Monterosa ist zwar das pflanzenreichste
der Schweiz, aber doch nicht als ein Vegetationscentrum in
dem Sinne aufzufassen, wie die Dolomitalpen im Osten des Etschthals.
Die nördliche Hauptkette verhält sich ähnlich, wie die centrale.
Der Wiener Schneeberg und die Grande Chartreuse im
Dauphine sind als Endpunkte der Kette zwar bevorzugt, aber der
grössere oder geringere Reichthum der Flora ist im üebrigen vom
geognostischenBau abhängig: die nördliche Schweiz mit ihren Nagelfluhen
steht an Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse den Kalkalpen
Bayerns und Salzburgs in auffallendster Weise nach. Das verschiedenartige
Verhältniss der drei Hauptketten lässt sich mit demjenigen
vergleichen, in welchem das ganze Alpensystem den Nachbargebirgen
gegenübersteht; in dem einen Falle die durch die centrale Lage begünstigte
Wanderung, in dem anderen die Beschränkung derselben
durch den Bau der einzelnen Gliederungen, durch die Absonderung
der alpinen Gruppen. Stellen wir uns vor, dass ursprünglich die
Entstehungsorte der Arten, die Ausgangspunkte der Wanderungen,
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Vegetationscentren der Alpen. 219
über das ganze System gleichmässig vertheilt waren, so befand sich
das Centrum in der Lage, durch die vielseitigeren Verknüpfungen
seine Erzeugnisse am leichtesten zu der Peripherie abzugeben, von
den Endgliedern einer Kette konnte hingegen der Austausch nur in
einer bestimmten Richtung vor sich gehen. Wäre die Vertheilung
der Alpenpflanzen vom Boden oder vom Klima allein abhängig, so
müssten die drei Hauptketten die verhältnissmässig grössten Gegensätze
zeigen. Aber in der südlichen Kette ist der geognostische Bau,
in allen drei ist das Klima ungenügend, die Absonderung der Arten
zu erklären. Denn wenn man annehmen wollte, dass die West- und
Ostalpen in einer ähnlichen klimatischen Beziehung ständen, wie die
westlichen und östlichen Tiefländer, so ist zu erinnern, dass die auf
einem so beschränkten Räume doch nur unerheblichen Aenderungen,
welche der Abstand vom Meere bewirken kann, hier gar nicht in
Betracht gezogen werden können, weil die Winterkälte und die
Dauer der Vegetationsperiode von dem Niveau in weit höherem
Grade als von der geographischen Lage abhängen und die
westlichen Pflanzen daher, wenn sie unter diesen Bedingungen
ständen, nur ihre Region zu verschieben hätten, um im Osten,
die östlichen, um im Westen zu gedeihen. Dazu kommt, dass in
derselben Kette unregelmässig vertheilte und weit grössere klimatische
Verschiedenheiten unter anderen Einflüssen als denen der
westlichen oder östlichen Lage auftreten, durch die Masse der Niederschläge
, die in den venetianischen Alpen den höchsten Werth erreicht,
durch den Schutz gegen die Winde, der die italienischen
Thäler bevorzugt, sowie durch die Nähe des mittelländischen und
adriatischen Meers in den südlichsten Gebirgsgruppen. Hier fragt
sich nun, ob die so entschiedene Absonderung der westlichen von
den östlichen Alpenpflanzen in der südlichen Kette mit der Annäherung
der beiden Endschenkel des Systems an das Klima der Mediterranflora
in Verbindung steht. Allein dieses Klima ist an der illyrischen
Küste zu Triest nicht minder, als am Fusse der Seealpen bei
Nizza ausgebildet, und doch haben die Alpenpflanzen beider Landschaften
die allerwenigste Gemeinschaft. Offenbar besteht die Einwirkung
des südlicheren Klimas in einer vermehrten Anzahl von
solchen Arten, die sich auf die nördlicher gelegenen Alpen nicht
verbreiten können, nicht aber darin, dass dieselben ihre Wanderungen