
28 I. Arktische Flora. SommerwUrme. 29
I i
i:
Vegetation anzusehen. Zwischen der arktischen Flora und dem südwärts
angrenzenden WaJdgebiete ist nun aber der beraerkenswerthe
Unterschied, dass audi die höchste Wärme in den hohen Breiten
wegen der schiefen Kiciitung der Sonnenstrahlen viel zu niedrig
bleibt, um südlicheren Gewächsen gentigen zu können. Jede Aendej
ung der Exposition gegen die Sonne kann daher in der Nähe der
Baumgrenze schon genügen, Waldinseln in das Gebiet der arktischen
Vegetation vorzuschieben. Legen wir die Wärme des Sommers als
desjenigen Zeitraums zu Grunde, der in der arktischen Flora für das
PHanzenleben allein in Betracht zu ziehen ist, so umfassen die Werthe,
die aus den meteorologischen Messungen sich ergeben, eine Reihe'
deren unterstes Glied nach Kane's Beobachtungen in Rensselaer's Hafen
i-) (Smith's Sund, 78 ^ N. B.) nur einen halben Gi-ad (-}- ' O R . '
über den Gefrierpunkt sich hebt, während eins der höchsten am
Eyafjord in Island (60,1) über sechs Grad hinaufreicht und freilich
inReikiavik (90,(j) noch um viertehalb Grade übertroffen wird. Aber
auch in dieser Beziehung stimmt der Süden Islands mit den Werthen
überein, die in Europa und Sibirien in der Nähe der nördlichen
Baumgrenze ermittelt sind [9", 5 ; S", l i5)] hier scheint also eine
rasche und bedeutende Steigerung der 'Sommerwärme einzutreten,
wie sie den klimatischen Ansprüchen des Baumlebens enspricht!
Innerhalb der alpinen Region der Alpen finden wir dieselbe Sommerwärme
(4«,9;, wie unter dem 69. Breitengrade in Grönland.
Nehmen wir an, dass im Gebiete der arktischen Flora die
Sommerwärmen vom Gefrierpunkte bis zu üo R. anwachsen, so
ist der übereinstimmende Charakter der Vegetation nur dadurch zu
erklären, dass diejenigen Pflanzenformen, in welchen diese Gleichartigkeit
sich ausspricht, entweder von der Verkürzung der Entwickelungsperiode,
die in den kälteren Gegenden eintritt, unabhängig
sind, oder dass die Aenderungen der Temperatur dieselben in ihrem
Gedeihen nicht beeinträchtigen. Das Letztere ist aber deshalb zu
verwerfen, weil, wenn die Bodenfeuchtigkeit durch unterirdisches
Eis auf den Gefrierpunkt herabsinkt und also mit der Sommerwärme
von Rensselaer's Hafen nahe übereinstimmt, die Vegetation sich sofort
wesentlich ändert und fast nur noch aus Krjptogamen besteht.
Von der Bodenfeuchtigkeit aber hängt die Temperatur des Saftes
unmittelbar, von der Luftwärme nur mittelbar ab. Wenn also die
Ausbeute am Smith's Sund aus arktischen Stauden bestand, die auf
den Tundren Sibiriens nicht mehr fortkommen, so kann die Ursache
nur darin liegen, dass dieselben an der höheren Wärme einer kürzeren
Entwickelungsperiode Genüge finden, die auf dem gefrorenen
Boden, der nur zu unbedeutender Tiefe aufthaut, niemals eintreten
kann. Sie wachsen doch wenigstens während des Juli in einer
Luftwärme, die fast dieselbe ist, wie die Temperatur der drei Sommermonate
der Melville-Insel (20,3) und der grönländischen Kolonie
LIpernivik (2",7). Nach dieser Auffassung können offenbar nur diejenigen
Bestandtheile der arktischen Pflanzenformationen bei verschiedenen
Sommerwärmen übereinstimmen, die einer ungemeinen
Verkürzung ihrer Entwickelungsperiode fähig sind, und hieraus ergiebt
sich, dass die Mannigfaltigkeit der Flora in demselben Verhältniss
abnehmen muss, als der Sommer kälter wird. Dies aber
bestätigt sich allgemein durch den höclist ungleichen Ertrag an verschiedenen
Pflanzenarten, den die sorgfältigsten Sammlungen aus
den einzelnen arktischen Ländern ergeben haben, und der fast überall
in geradem Verhältniss zu der Sommerwärme steht. Mit der Abnahme
derselben bleibt eine Organisation nach der anderen zurück, aber die
Pflanzenformen, welche an den kältesten Punkten noch übrig bleiben,
tragen doch denselben Charakter, sie gruppiren sich zu ähnlichen
Formationen. Die höchste Sommerwärme unter allen arktischen
Ländern, von denen umfassende klimatische Messungen vorliegen,
hat Island: diese Insel hat bereis gegen 450 Gefässpflanzen
geliefert'f') ; hierauf folgen, nach dem Artenreichthum geordnet, der
Reihe nach die Westküste Grönlands (60<'—73«') mit 323, das europäische
Samojedenland mit 265, das sibirische Taimyrland mit 124,
Spitzbergen mit 93, Insel Melville mit 60 Arten.
Beobachtungen über den Entwickelungsgang gewisser arktischer
Pflanzen werden uns eine deutliche Vorstellung davon geben, welcher
Verkürzung derselbe fähig ist. Kaum dass die kleinen Polarweiden,
die nur Triebe von Zollgrösse aus dem Boden hervorstrecken,
von den ersten Sonnenstrahlen getroffen werden, so fangen ihre
Kätzchen schon an zu blühen, obgleich eine Safterneuerung aus dem
gefrornen Boden noch Wochen lang unmöglich ist. Die Sonne thaut
nur den Saft im Gewebe ihrer äussersten Triebe und Knospen, und
diese vollenden ihre physiologisclie Aufgabe, während der grösste