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238 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents.
die ebenso wohl von vermehrter atmosphäriseher Feuchtigkeit, als
von verminderter Wärme bedingt sein konnte, und dass die erratischen
Blöcke der Ebenen in schwimmenden Eisbergen eine befriedigendere
Erklärung finden; als in festliegendem Gletschereis. Der
zweideutigen Annahme einer allgemeinen Eiszeit möchte ich daher
zur Bezeichnung dessen, was man früher Diluvialzeit nannte, dm
Ausdruck Glacialperiode vorziehen, der auf die Aus.breitung der
grossen Gletscher bezogen werden kann. Dass die Braunkohlenflora
in Europa nicht fortbestand, sondern einer neueu Schöpfung, die sie
verdrängte, weichen musste, ist bei dem steten Kampfe der Organismen,
die um so kräftiger sind, je mehr sie den gerade bestehenden
physischen Bedingungen entsprechen, auch ohne Annahme einer
Eiöbedeckung wohl zu begreifen.
Unter allen Verbindungen mit de^ Nachbarländern ist der Austausch
der Flora unseres Gebiets mit der Südeuropas der umfassendste.
Hier gestattet die Art, wie die einzelnen Pflanzen verbreitet
sind, mit noch weit grösserer Sicherheit, als im Norden, zu schliessen,
dass die Wanderung in beiden Richtungen stattgefunden hat. Wenn
auch auf den Gebirgen des Südens entsprechende klimatische Verhältnisse
wiederkehren, so ist doch das Vorkommen der in höheren
Breiten einheimischen Gewächse daselbst durchweg ein sporadisches,
sie sind von anderen Arten begleitet, die diesseits der Alpen nicht
gefunden werden. In umgekehrter Richtung verlieren sich diejenigen
Pflanzen der Mediterranflora, die in die französischen oder
ungarischen Vegetationszonen eintreten, allmälig mit den geänderten
klimatischen Bedingungen. So ist es fast in jedem Falle leicht, die
ursprüngliche Heimath der einzelnen Arten zu erkennen, und da die
Anzahl der südlichen Gewächse, welche die Grenzen der Mediterranflora
überschreiten, etwa um das Fünffache geringer ist, als die der
jenseits der Alpen wiederkehrenden, die aus nördlicheren Breiten
abstammen, so erhöht sich dadurch der selbständige Charakter der
Flora unseres Gebiets sehr bedeutend.
Schon oben, wurde der Verknüpfung der ungarischen Pussten
mit der Flora der Steppen gedacht und gezeigt, dess die Wanderung
hier von den Vegetationscentren in den letzteren ausgegangen aind
also in westlicher Richtung erfolgt sei. Wiewohl durch die Karpaten
getrennt, treten die Steppen doch in der Moldau; wo sie zwischen
Wanderungen der Pflanzen, 239
dem Sireth und Pruth die Wälder zurückdrängen 204) ^ nahe genug an
die Pussten heran, um die Ansiedelungen zu erleichtern. Im umgekehrten
Sinne rücken aber auch zahlreiche Pflanzen des Waldgebiets
in die Steppen ein, nicht bloss solche, die wegen der Kürze ihrer
Vegetationsperiode verschiedenen Klimaten angepasst sind, sondern
auch viele andere, weil sie an den Flüssen und auf den Gebirgen
sich wie in ihrer Heimath entwickeln können. Von grösserem Interesse
sind die, wenn auch nur vereinzelten Beispiele, dass Stauden
des Hochgebirgs (z.B. Astragalus Onobrychis) in den Steppen wiederkehren,
unstreitig weil dieselben einer kurzen Entwickelungsperiode
bedürfen, die ihnen in beiden Fällen zu Gebote steht, ohne dass sie
von der Wärme oder anderen klimatischen Werthen in gleichem
Grade beeinflusst werden. Aehnliche Beziehungen sind es aueh, die
den viel allgemeineren Austausch zwischen dem Altai und den asiatischen
Steppenlandschaften veranlassen, und die der Vermischung
der Flora von Daurien mit der Gobi zu Grunde liegen. Ob in solchen
Fällen die Pflanzen aus der Ebene in das Gebirge anstiegen
oder in entgegengesetzter Richtung sich verbreitet haben, würde bei
näherer Untersuchung vielleicht aus der Massenentwickelung der
Individuen oder aus der systematischen Stellung der Gattungen sich
ergeben. Der westliche Altai, das Quellgebiet der grossen sibirischen
Ströme, ist in Verhältniss zu Daurien feucht, wie die Alpen in
Vergleich mit Südrussland : es werden demnach die Pflanzen des
feuchten Bodens in diesen Gebirgen, die des dürren in den Steppen
entstanden sein und nach diesem Verhältniss die Standorte gedrängt
oder sporadisch sich vertheilen.
Eine Andeutung, dass auch die lange Dauer der Vegetationszeit
als allein wirksamer Faktor in Betracht komme, finde ich in einigen
wenigen P f l a n z e n 205]^ die Ungarn und Frankreich gemeinsam sind,
ohne in Deutschland vorzukommen.
Die Verbindungen Ostsibiriens mit der chinesisch-japanischen
Flora sind zwar schon vielfach nachgewiesen, aber die Kenntniss
dieses Verhältnisses ist viel zu lückenhaft, als dass über die Bedingungen
solcher Wanderungen jetzt schon geurtheilt werden könnte.
Die Forschungen Schmidt's auf der Insel Sachalin, wo beide Floren
' sich unmittelbar berühren, weisen auf einen allmäligen üebergang
von der einen zur anderen in diesen höheren Breiten hin.