
: 418 IV. Steppengebiet.
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bedeckt, nach Meeresliöhe und Relief nur der Sennwirthscliaft zugänglich
erscheint, und wo in der That nach Zerstreuung der ursprünglichen
Bewohner, wie inAnatolien, Nomaden umherschweifen^
ist dennoch schon frühzeitig der Gesittung eines Ackerbau treibenden
Kulturvolks theilhaftig geworden, weil die Irrigationen durch zahlreiche
Flüsse erleichtert und die rasche Reife der Ernten durch die
kontinentale Plateauwärme gesichert ist. Unter solchen Begünstigungen
reicht der Getraidebau am See Wan und am Bingöl-Dagh
nahebei zu 6500 Fuss und die über 6000 Fuss hohe Ebene von Erzerum
gewährt ergiebige Weizenernten, während in dem umwölkten
Kessel des Goktschai schon bei 5500 Fuss nur noch die Gerste fortkommt
und in manchen Jahren nicht einmal zur Reife gelangtes).
Wo aber der Himmel im Sommer heiter ist, bedarf es nur des fliessenden
Wassers, um selbst Kulturgewächse wärmerer Gegenden zuzulassen.
Auf der Hochebene am Ürmia-See werden Baumwolle,
Sesam und sogar Reis gebaut, die Feige gedeiht daselbst an geschützten
Orten, und der Weinbau wh'd an den Ufei-n des Wan bis
zum Niveau von etwa 5500 Fuss betrieben: überall aber, sagt
Wagner, Unfruchtbarkeit, Verödung und Armuth, wo entweder die
Schneeberge oder die durch sie gespeisten Flüsse fehlen, oder wo die
Neigung des Bodens der Bewässerung hinderlich ist .
Die Ebenen Mesopotamiens und Babyloniens heben sich bis zum
Fusse des Gebirgs, aus dem der Euphrat und Tigris in dieselben eintreten,
nirgends über das Niveau von 700 Fuss. Da sie gegen Nordosten
durch die Erhebungen des Zagros im persischen Kurdistan
völlig geschützt sind, steigert sich hier die Wintertemperatur zu der
der geographischen Breite entsprechenden Wärme . Und doch ist
das Klima excessiv zu nennen, indem die glühende Hitze des Sommers
in Bagdad zu einer Höhe steigt (27 OR.), die im tropischen
Ostindien' nicht übertroffen wird und ihres Gleichen erst in der Sahara^
sowie an den Küsten Arabiens und des persischen Golfs findet. Es
zeigt sich hier, wie die Sonne auch noch in dieser Breite (33^) wirken
kann, wenn ihre Gluth nicht durch die Bewölkung einer tropischen
Regenzeit gemässigt wird, wenn der Himmel im Sommer stets
heiter, die Atmosphäre trocken und der Boden höchst erwärmungsfähig
ist. In dieser Jahrszeit herrschen in Bagdad westliche und
namentlich südwestliche Winde , die aus dem heissen und dürren
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Mesopotamien. 419
Hochlande Arabiens und Syriens kommen nnd daher keinen Wasserdampf
herbeiführen. In der mesopotamischen Ebene selbst ist die
leichte, ausgedörrte Erdkrume mit Gerollen der unterliegenden Kalkformation
gemischt 40), die durch die Sonnenstrahlen stark erhitzt
werden. Im Winter geht die Richtung der herrschenden Winde nach
Nordwest s^) über, und nun spendet die kältere Luft Armeniens und
Kurdistans durch ihre Mischung mit der Atmosphäre der warmen
Niederung einen Niederschlag, der den Frühling der Steppe mit
Blüthen schmückt. Die Vegetationszeit Mesopotamiens ist demnach
ebenso rasch vorübereilend, als da, wo der Sommerpassat aus Nordosten
weht. Nach Ainsworth's^i) Schilderung der Entwickelungsphasen
zu Mosul (36 » N. B.) keimen im feuchten Februar die Pflanzen,
welche die einzige Zierde der Steppe bilden; März und April
umfassen ihre Blüthenperiode, und schon im Mai herrscht die trockene
Jahrszeit. Bis zum Ende dieses Monats war Alles bis auf die Artemisien
und Mimoseen verdorrt und blieb in diesem Zustande bis zum
folgenden Jahre. Die Bodenkultur ist daher nur an die wasserreichen
Ströme gebunden, die durch den schmelzenden Schnee hoher Gebirge
genährt werden, und aus welchen das Land ehemals, wie Aegypten,
kanalisirt wurde. Den Hochsteppen Armeniens gegenüber, mit denen
Mesopotamien die Form der Traganthsträucher gemein hat, ist der
Vegetationscharakter dadurch bezeichnet, dass zu den vorherrschenden
Artemisien die Mimoseen nebst einjährigen Gräsern sich gesellen,
von den Kulturbäumen die Dattelpalmen und am Fusse der Gebirge
auch die Oliven auftreten." Auch kommen nackte Strecken vor, wo
der Boden nur von Eichenen bedeckt ist, die der Mannaflechte Arabiens
und anderer Wüsten und Steppen entsprechen. Es sind die
klimatischen Analogieen mit drei anderen Floren, die durch die Vegetation
hier in die Erscheinung treten, wiewohl keine derselben mit
Mesopotamien in unmittelbare Berührung tritt. Die Kürze der natürlichen
Vegetationszeit, durch die geringe Dauer der winterlichen
Niederschläge bedingt, erneuert in den Artemisien das physiognomische
Bild der russischen Steppen, die Frühlingsvegetation der
Mediterranflora in den einjährigen Gräsern und die hohe Wärme
verknüpft diese Landschaften durch ihre Mimoseen mit der arabischen
Sahara. Wie aber durch Irrigationen die Entwickelungsperiode
fast über das ganze Jahr ausgedehnt werden kann, zeigen neben dem
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