
208 L Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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Mit den Alpen verglichen ist ungeachtet der südlicheren Lage
der Pyrenäen die Anordnung der Regionen daselbst wenig verändert.
Die Schneelinie liegt am Nordabhang nicht höher, als auf der mittleren
Alpenkette, für die meisten Vegetationsgrenzen kann man in
gewissen Theilen dieser oder der südlichen Alpen ganz dieselben
Werthe nachweisen. Nur die Kastanie und die Buche, als die eigenthümlichen
Bäume des Seeklimas^ steigen hier nirgends so hoch, wie
auf den Pyrenäen. Nach Massgabe der geographischen Breite ist
hingegen in der Höhengrenze der- Fichte auf den Centralpyrenäen,
ebenso wie in der Schneelinie, der deprimirende Einfluss des atlantischen
Meers nicht zu verkennen.
Yegetationscentren. Die Anordnung der Pflanzen auf den
Kontinenten zeigt uns in den meisten Fällen zusammenhängende
Wohngebiete, so dass, wenn die äussersten natürlichen Fundorte der
Arten auf einer Landkarte durch Linien umgrenzt werden, die eingeschlossene
Fläche ein Ganzes bildet, ohne grosse Lücken übrig zu
lassen. Die Unterbrechungen der Verbreitung sind zwar in der
Regel leicht aus den Bedingungen des Vorkommens zu erklären,
aber, wo dies nicht der Fall ist und wenn die Zwischenräume gross
sind, scheint die Annahme eines einheitlichen Ausgangspunktes
schwierig festgehalten werden zu können, wiewohl im Verhältniss
zur Masse der Arten solche Erscheinungen doch nur seltene Ausnahmen
bilden. Zwei verschiedene Hypothesen sind bemüht gewesen,
dieselben aus früheren Zuständen herzuleiten und dadurch dem allgemeinen
Gesetze einfacher Vegetationscentren unterzuordnen. Die
gegenwärtig am häufigsten angenommene und von ausgezeichneten
Naturforschern vertretene Meinung ist von Forbes ^ausgegangen,
man kann sie als die geologische bezeichnen. Sie besteht darin,
dass, da die Pflanzen, sich selbst überlassen, ihre Keime nur auf
eine geringe Entfernung ausstreuen, die jetzt vorhandenen Individuen
aber von früheren Generationen gleicher Art abstammen, die geographischen
Lücken des Wohngebiets aus geologischen Veränderungen
der Erdrinde zu erklären seien, welche an Orten, wo eine
bestimmte Art in früheren Perioden einheimisch war, die Bedingungen
ihres Fortbestehens aufhoben. Senkungen des Bodens, welche
die Verbindungen des Festlands unterbrachen, oder Anhäufungen
von Eis, wodurch die Gewächse zu Grunde giugen, werden als die
Migrationshypothese, 209
Ursachen des gestörten Zusammenhangs, des dadurch veränderten
Wohngebiets aufgefasst. Bei diesen Vorstellungen ist jede bestimmte
Beobachtung von Thatsachen ausgeschlossen, sie lassen dagegen
der Phantasie den weitesten Spielraum. Und noch gesteigert
wird diese Unzulänglichkeit für wahrhaft gesicherten Fortschritt
durch den Darwinismus, der die Arten aus einander hervorgehen
lässt, in der That aber die vorliegende Frage in sofern unberührt
lässt, als er nur zu erklären sucht, wie, nicht wo sie entstanden
sind. Es ist möglich, dass von der Geologie der Tertiärzeit
die Nachwirkungen sich noch auf die heutige Anordnung der Pflanzen
erstrecken, aber der Fortschritt in der Naturwissenschaft muss
ein geordneter sein : ehe die näheren Ursachen einer Erscheinung
erledigt sind, darf sie die entfernt liegenden nicht herbeiziehen. Es
möchte sonst die verwendete Arbeit, so hoch die Zeitgenossen sie
preisen mögen, in den Augen der Nachwelt eine vergebliche gewesen
sein. Wenn man dem Grundsatze huldigt, zuörst zu untersuchen,
ob die in der Gegenwart fortwirkenden Kräfte ungenügend sind, die
Lücken der Wohngebiete aufzuklären, so wird man sich leichter mit
den der geologischen Hypothese entgegengesetzten Versuchen befreunden,
den Wanderungen nachzuforschen, durch welche die Pflanzen
von einem Standorte auf den anderen übertragen werden. An
Beispielen fehlt es nicht, wie unter dem Einfluss des Menschen nicht
bloss, sondern auch durch die Mitwirkung geflügelter Thiere oder
durch die Strömungen des Wassers und der Atmosphäre sich einzelne
Gewächse an entfernten Orten anzusiedeln vermögen, allein wie bei
jeder Untersuchung, die sich auf historisch gegebene Verhältnisse
bezieht, ist es auch hier nicht möglich, die Bahnen und die Werkzeuge
im einzelnen Falle sicher festzustellen, aus denen die jetzige
Anordnung der Vegetation hervorgegangen ist. Eine einzige ursprüngliche
Heimath, ein einfacher Ausgangspunkt ihrer Verbreitung
wird jeder Pflanze von beiden Hypothesen zugesprochen, aber die
historische, welche ihre Erklärungen aus den Wanderungen und Ansiedelungen
der Gewächse ableitet, hat vor der geologischen den
Vorzug, dass sie reicher an Hülfsmitteln ist, aus der Gestaltung der
heutigen Wohngebiete auf die Wege schliessen zu lassen, welche die
Natur dabei eingeschlagen hat. Die europäische Flora ist vor allen
übrigen geeignet, solche Untersuchungen zu unterstützen, weil hier
G r i s e ' b a e i l , Vegetation der Erde. 1, 14
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